Innerhalb weniger Tage sorgten zwei Nachrichten für Aufmerksamkeit: Einerseits landeten 140 neue Olim aus Frankreich mit einem eigens organisierten „Family Flight“ in Israel. Andererseits berichteten israelische Medien über eine Studie, wonach die Auswanderung aus Israel (Yerida) im Jahr 2025 mit rund 90,000 einen historischen Höchststand erreicht habe. Auf den ersten Blick scheint das ein Widerspruch zu sein. Tatsächlich erzählen beide Meldungen jedoch unterschiedliche Seiten derselben Geschichte.

Der „Familienflug“ aus Frankreich steht für eine Entwicklung, die seit Jahren anhält und sich seit dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 noch einmal deutlich verstärkt hat. Unter den 140 Neuankömmlingen befanden sich zahlreiche junge Familien mit rund 80 Kindern und Jugendlichen. Noch während des Fluges erhielten sie ihre israelischen Personalausweisnummern und ihre Aliyah-Zertifikate – ein bewegender Moment, der ihre Heimkehr nach Israel symbolisierte. Insgesamt haben seit dem 7. Oktober 2023 über 40.000 Menschen aus der ganzen Welt Aliyah gemacht, darunter mehr als 1.500 auch aus Deutschland.

Die Zahlen aus Frankreich sind besonders bemerkenswert: Seit dem 7. Oktober 2023 sind mehr als 8.000 französische Juden nach Israel eingewandert. Allein bis Ende Juli 2026 machten rund 2.400 französische Juden Aliyah – mehr als 30% mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die zunehmende Unsicherheit, antisemitische Übergriffe und das Gefühl, jüdisches Leben in Europa nur noch eingeschränkt und unter Polizeischutz leben zu können, bewegen immer mehr Familien zu diesem Schritt.

Demgegenüber steht die Nachricht, dass 2025 so viele Israelis wie nie zuvor das Land verlassen haben. Die Gründe dafür sind vielfältig: die Belastungen des Krieges, wirtschaftliche Herausforderungen, hohe Lebenshaltungskosten oder politische Spannungen innerhalb Israels. Auffällig ist, dass unter den Auswanderern viele hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Hightech- und Medizinbereich sind.

Wer daraus jedoch den Schluss zieht, Israel verliere das Vertrauen seiner eigenen Bevölkerung, greift zu kurz.

Aliyah und Yerida sind keine spiegelbildlichen Entwicklungen. Die europäischen Juden, die nach Israel einwandern, verlassen Länder, in denen jüdisches Leben immer mehr bedroht ist, jüdische Schulen, Synagogen und Gemeindezentren ohne bewaffneten Polizeischutz nicht existieren würden. Sie erleben, wie antisemitische Übergriffe zunehmen, Israelhass auf den Straßen immer unverhohlener geäußert wird und viele Juden ihre Kippa oder ihren Davidstern aus Angst nicht mehr offen tragen.

Dennoch entscheiden sie sich für ein Land, das sich seit fast drei Jahren im Krieg befindet. Das sagt viel über die Lage jüdischen Lebens in Europa – und ebenso viel über die Bedeutung Israels.

Umgekehrt bedeutet Yerida nicht zwangsläufig eine ewige Abkehr vom jüdischen Staat. Viele Israelis gehen für Studium, Beruf oder einige Jahre ins Ausland und kehren später zurück. Andere verlassen das Land aufgrund der außergewöhnlichen Belastungen der vergangenen Jahre. Dass die Rekordzahlen Anlass zur Sorge geben, steht außer Frage. Sie spiegeln die enormen Herausforderungen wider, vor denen die israelische Gesellschaft seit dem 7. Oktober steht.

Die beiden Entwicklungen sind deshalb nicht widersprüchlich, sondern ergänzen sich. Sie zeigen, dass Israel gleichzeitig ein normales demokratisches Land mit wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen ist – und der einzige Staat der Welt, der Juden überall auf der Welt jederzeit als Heimat offensteht.

Gerade für uns in Deutschland lohnt sich ein genauer Blick auf die steigende Aliyah. Sie ist nicht nur eine israelische Statistik, sondern auch ein Warnsignal für Europa. Wenn immer mehr jüdische Familien ihre Zukunft nicht mehr in Marseille, Mannheim oder Madrid, sondern in Jerusalem, Haifa oder Netanya sehen, dann wirft das eine unbequeme Frage auf: Wie sicher und selbstverständlich ist jüdisches Leben in unserer Gesellschaft tatsächlich noch?

Die Antwort darf uns nicht gleichgültig sein. Die Bekämpfung des Antisemitismus ist nicht nur Ausdruck der Solidarität mit jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Sie ist ein Gradmesser für den Zustand unserer demokratischen Gesellschaften.

Solange sich Jüdinnen und Juden in Europa gezwungen sehen, ihre Heimat aus Angst zu verlassen, bleibt der Kampf gegen Antisemitismus eine der dringendsten Aufgaben unserer Zeit.

Gerade Deutschland muss, dafür sorgen, dass die Entscheidung für Israel eine freie Wahl bleibt, und keine Flucht vor wachsendem Judenhass.