Eine kritische Antwort auf den taz-Kommentar „Haben wir verloren?“

https://taz.de/Krieg-in-Nahost/!6203427

Der taz-Kommentar von Charlotte Wiedemann beginnt mit einer Frage: „Haben wir verloren?“ Gemeint ist die deutsche und internationale Bewegung, die sich in den vergangenen drei Jahren vor allem dafür eingesetzt habe, „palästinensisches Leid“ sichtbarer zu machen.

Schon diese Perspektive verrät viel.

Denn der Text ist keine ausgewogene Analyse des Gaza-Krieges. Er ist eine Abrechnung mit einer deutschen Gesellschaft und Politik, die nach Ansicht der Autorin Israel nicht entschieden genug verurteilt. Israel erscheint dabei fast ausschließlich als handelndes Subjekt, die Palästinenser erscheinen überwiegend als Opfer. Hamas dagegen wird in diesem politischen Narrativ auffallend klein.

Das ist nicht nur eine Frage der Gewichtung. Es verändert die gesamte Geschichte dieses Krieges.

Der 7. Oktober verschwindet fast vollständig

Man muss sich deshalb an den Ausgangspunkt erinnern.

Am 7. Oktober 2023 überfielen Hamas und andere bewaffnete Gruppen Israel. Rund 1.200 Menschen wurden ermordet, die große Mehrheit Zivilisten. Etwa 250 Menschen wurden als Geiseln nach Gaza verschleppt.

Das war nicht einfach ein weiterer „Gewaltausbruch“ im Nahostkonflikt. Es war ein organisierter Terrorangriff auf israelische Gemeinden, Familien, Jugendliche bei einem Musikfestival und Kibbuzim – verbunden mit der bewussten Verschleppung von Zivilisten.

Und genau daraus entstand der Krieg.

Die taz-Autorin erwähnt diese Ursache in ihrem Kommentar praktisch nicht. Stattdessen beginnt ihre Erzählung mit dem palästinensischen Leid.

Das ist ungefähr so, als würde man den Zweiten Weltkrieg analysieren und mit den deutschen Zivilopfern beginnen, ohne den deutschen Angriffskrieg als Ausgangspunkt der militärischen Ereignisse überhaupt ernsthaft zu thematisieren.

Israel wird zum alleinigen Verantwortlichen

Besonders auffällig ist die Formulierung, Israel „verweigere alles, was Erleichterung verschaffen könnte“.

Das ist eine enorme Behauptung.

Natürlich gibt es berechtigte und teilweise sehr schwere Kritik an Israels Umgang mit humanitärer Hilfe, an Grenzkontrollen, militärischen Operationen, der Versorgungslage und am Schutz von Zivilisten. Auch die Vereinten Nationen kritisieren israelische Einschränkungen beim Zugang humanitärer Hilfe.

Aber aus dieser berechtigten Kritik die Behauptung zu machen, Israel verweigere „alles“, ist etwas völlig anderes.

Denn Gaza befindet sich nicht in einem politischen Vakuum.

Dort herrscht Hamas.

Hamas hat Gaza seit 2007 autoritär regiert. Sie verfügt über ein weitreichendes Tunnelsystem, bewaffnete Einheiten, Raketen und eigene militärische Infrastruktur. Und selbst während der Verhandlungen über eine dauerhafte Beendigung des Krieges ist die Entwaffnung der Hamas eine zentrale Frage geblieben. Noch im Juli 2026 wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Hamas eine entsprechende Roadmap nicht akzeptiert hatte.

Die entscheidende Frage lautet deshalb:

Warum wird im taz-Kommentar so wenig darüber gesprochen, dass eine terroristische Organisation Gaza als militärische Basis benutzt und weiterhin nicht bereit ist, ihre militärische Macht vollständig aufzugeben?

Zivilisten sind nicht Hamas

Und genau hier liegt das eigentliche Dilemma. Man kann gleichzeitig sagen, die Menschen in Gaza leiden entsetzlich und Israel hat das Recht, sich gegen Hamas zu verteidigen. Beiden Aussagen widersprechen sich nicht. Im Gegenteil. Eine ernsthafte pro-israelische Position muss beides aushalten können.

Israels Recht auf Selbstverteidigung ist natürlich kein Freibrief für jedes militärische Vorgehen. Auch Israel muss sich an das humanitäre Völkerrecht halten. Zivilisten müssen geschützt werden. Militärische Maßnahmen müssen verhältnismäßig sein. Angriffe müssen militärisch begründet sein. Aber genau dieselben Maßstäbe müssen auch gegenüber Hamas gelten.

Und Hamas kann sich nicht hinter der Zivilbevölkerung verstecken und anschließend die Bilder des dadurch entstehenden Leids als politische Waffe gegen Israel verwenden.

Die entscheidende Auslassung: Hamas

Der taz-Kommentar spricht von „Siedlerterror und Armeegewalt im Westjordanland“. Israelische Gewalt und Gewalt extremistischer Siedler gehören selbstverständlich kritisiert.

Aber warum fehlt die entsprechende Aufmerksamkeit für palästinensischen Terror? Warum wird nicht ausführlicher darüber gesprochen, dass Israel seit Jahrzehnten mit Anschlägen, Raketenangriffen, Selbstmordattentaten und bewaffneten Organisationen konfrontiert ist? Warum wird kaum erklärt, dass die israelische Sicherheitslogik nicht aus dem Nichts entstanden ist? Und warum wird die Forderung nach Sicherheit für Israelis so behandelt, als sei sie eine politische Ausrede?

Gerade Deutschland sollte diese Frage eigentlich verstehen.

„Genozid“ ist kein Synonym für „sehr viele Tote“

Besonders problematisch ist die Behauptung, praktisch alle relevanten Menschenrechtsorganisationen hätten sich inzwischen dem Befund eines Genozids angeschlossen. Das ist mindestens eine massiv verkürzte Darstellung.

Der Internationale Gerichtshof hat im Verfahren Südafrika gegen Israel vorläufige Maßnahmen angeordnet. Das Verfahren ist damit aber kein abschließendes Urteil darüber, dass Israel einen Genozid begeht. Das eigentliche Verfahren ist weiterhin anhängig. Der IGH führt den Fall ausdrücklich als Verfahren über die behauptete Verletzung der Genozidkonvention; die neuesten Verfahrensentwicklungen reichen bis 2026.

Das ist keine Kleinigkeit.

„Genozid“ ist kein moralisches Synonym für „Katastrophe“, „Massaker“ oder „sehr viele zivile Tote“. Es bezeichnet einen spezifischen völkerrechtlichen Tatbestand mit einer besonders hohen subjektiven Voraussetzung.

Wer Israel einen Genozid vorwirft, muss deshalb den Nachweis der entsprechenden Vernichtungsabsicht führen.

Man darf diese Frage diskutieren. Man darf Israel schwerster Verbrechen beschuldigen. Aber man sollte nicht so tun, als hätte ein internationales Gericht bereits festgestellt, dass Israel einen Genozid begeht.

Auch die Opferzahlen brauchen Kontext

Die palästinensischen Gesundheitsbehörden veröffentlichen hohe Opferzahlen, die von internationalen Medien und den Vereinten Nationen verwendet werden. Die Zahlen sind deshalb nicht einfach als „erfunden“ abzutun. Gleichzeitig ist Hamas die faktische Herrschaftsmacht im Gazastreifen, kontrolliert die Gesundheitsbehörde und somit auch die veröffentlichten Gesamtzahlen und unterscheiden nicht zwischen Kämpfern und Zivilisten. Reuters hat diese Methodik und deren Einschränkungen der Datenerfassung ausführlich beschrieben.

Noch wichtiger:

Eine hohe Zahl ziviler Opfer beweist für sich allein keinen Genozid. Sonst würde aus einer Opferstatistik automatisch eine juristische Schuldzuweisung.

Das ist keine seriöse Analyse.

Und dann ist da noch die Frage der Verantwortung. Der taz-Text beschreibt Deutschland als Staat, der Israel durch Waffenlieferungen und politische Unterstützung praktisch Straflosigkeit ermögliche. Aber warum wird kaum darüber gesprochen, warum Deutschland Israel unterstützt? Die deutsche Staatsräson ist nicht einfach eine ideologische Liebeserklärung an die israelische Regierung. Sie ist auch eine Konsequenz aus der deutschen Geschichte.

Nach dem Holocaust wurde die Sicherheit jüdischen Lebens zu einer besonderen deutschen Verantwortung.

Und diese Verantwortung bedeutet nicht, jede israelische Regierungspolitik gutzuheißen. Sie bedeutet aber, die Existenz und Sicherheit Israels nicht als verhandelbare Nebensache zu betrachten.

Kritik an Netanyahu ist nicht Kritik an Israel

Hier liegt ein weiterer wichtiger Unterschied. Man kann Benjamin Netanyahu scharf kritisieren. Man kann die israelische Regierung kritisieren. Man kann die Siedlungspolitik kritisieren. Man kann extremistische Minister kritisieren. Man kann militärische Entscheidungen kritisieren. Man kann sogar der Auffassung sein, dass bestimmte israelische Entscheidungen politisch oder völkerrechtlich falsch sind.

Und trotzdem kann man gleichzeitig sagen, dass Israel ein Existenzrecht hat. Dass Israel ein Recht auf Selbstverteidigung hat. Und dass jüdische Israelis das Recht haben, in Sicherheit zu leben. Das ist kein Widerspruch.

Aber leider wird diese Differenz in vielen Teilen der deutschen Debatte zunehmend verwischt.

Die merkwürdige moralische Asymmetrie

Der vielleicht größte Fehler des taz-Kommentars ist deshalb nicht das Mitgefühl mit den Palästinensern. Dieses Mitgefühl ist selbstverständlich richtig. Der Fehler liegt in der moralischen Asymmetrie. Israel wird an nahezu jedem militärischen und politischen Vorgang gemessen. Hamas wird dagegen häufig wie ein Hintergrundrauschen behandelt.

Dabei ist Hamas keine Naturkatastrophe.Hamas ist eine politische und militärische Organisation. Sie hat den Krieg am 7. Oktober 2023 ausgelöst. Sie hat israelische Zivilisten ermordet. Sie hat Zivilisten als Geiseln genommen. Sie hat Gaza militarisiert. Sie benutzt zivile Infrastruktur für militärische Zwecke. Und sie hat über Jahre hinweg eine politische Kultur aufgebaut, in der die Vernichtung Israels nicht als tragischer Irrweg, sondern als Ziel verstanden wurde.

Wer über Gaza spricht, ohne Hamas ins Zentrum der Analyse zu stellen, erzählt deshalb nur die halbe Geschichte.

Das eigentliche Versagen

Vielleicht haben wir tatsächlich etwas verloren. Aber nicht das, was Wiedemann meint. Wir haben einen Teil der Fähigkeit verloren, mehrere Wahrheiten gleichzeitig auszuhalten. Dass palästinensische Kinder unschuldig sind und dass israelische Kinder unschuldig sind. Dass Gaza unermesslich gelitten hat aber auch dass Israel schon vor dem 7. Oktober 2023 jahrelang mit Raketen und Terroranschlägen aus Gaza und Judäa undcSamaria (der Westbank) angegriffen wurde.

Dass Israel Fehler macht aber auch dass Hamas Verbrechen begeht.

Dass Palästinenser ein Recht auf Selbstbestimmung haben aber auch dass Israel ein Recht auf Selbstbestimmung und Sicherheit hat.

Dass israelische Politiker kritisiert werden dürfen, aber auch palästinensische Politiker kritisiert werden müssen.

Und dass deutsche Erinnerungskultur nicht darin bestehen kann, die Geschichte immer dann neu zu sortieren, wenn sie politisch unbequem wird.

Eine wirklich humanistische Position müsste deshalb nicht fragen:

„Israel oder Palästina?“ Sie müsste fragen: Wie schaffen wir eine Situation, in der weder Israelis noch Palästinenser ihre Kinder unter Raketen, Drohnen, Terror, Angst und militärischer Gewalt großziehen müssen?

Dazu gehört ein palästinensischer Staat. Dazu gehört ein Ende extremistischer Siedlergewalt. Dazu gehört humanitäre Hilfe für Gaza.

Aber ebenso zwingend gehört dazu, daß Hamas seine Waffen abgeben muss. Dass Gaza keine militärische Plattform für den nächsten 7. Oktober wird. Und Israel darf nicht von der Landkarte verschwinden, nur damit ein politisches Weltbild moralisch sauber erscheint.

Das ist keine Parteinahme gegen Palästinenser. Es ist die vielleicht wichtigste Voraussetzung dafür, dass Israelis und Palästinenser irgendwann überhaupt eine Zukunft haben.

Der taz-Kommentar fragt: „Haben wir verloren?“

Die bessere Frage wäre:

Was verlieren wir, wenn wir anfangen, Empathie nur noch für die eine Seite eines Konflikts aufzubringen?