Wer in Europa die Debatte über den Nahen Osten verfolgt, gewinnt häufig den Eindruck, Israel sei der Hauptverursacher ökologischer Probleme in der Region. Die Realität ist jedoch oftmals deutlich komplexer. Ein aktueller Bericht der The Times of Israel zeigt eindrucksvoll, wie Umweltverschmutzung keine Grenzen kennt – und wie politische Blockaden dazu beitragen, dass eine seit Jahren bekannte Umweltkatastrophe ungelöst bleibt.
Im Mittelpunkt steht der Hebron-Bach (Nahal Hevron), der von der palästinensischen Stadt Hebron bis in den israelischen Negev fließt. Statt sauberen Wassers transportiert er heute eine Mischung aus ungeklärten Abwässern, Industrieschlamm und Gesteinsstaub aus der Steinindustrie. Der Gestank ist kilometerweit wahrnehmbar, Pflanzen und Tierwelt werden massiv geschädigt und die Verschmutzung bedroht langfristig sogar das gemeinsame Grundwasserreservoir, aus dem Israelis und Palästinenser gleichermaßen Trinkwasser beziehen.
Besonders problematisch ist die Steinindustrie in Hebron. Beim Schneiden des sogenannten Jerusalemer Kalksteins entstehen große Mengen feinen Steinstaubs, der ungefiltert in das Abwassersystem gelangt. Dieser Schlamm macht eine biologische Reinigung nahezu unmöglich und beschädigt Kläranlagen. Obwohl mit internationaler – insbesondere europäischer – Finanzierung eine moderne Kläranlage bei Yatta errichtet wurde, kann sie bislang nicht sinnvoll betrieben werden, solange dieses Problem nicht an der Quelle gelöst wird.
Die Folgen tragen nicht nur die Bewohner Hebrons. Die verschmutzten Wassermassen fließen über rund 40 Kilometer bis nach Israel, wo sie kostspielig aufgefangen und behandelt werden müssen. Israel investiert erhebliche Mittel in Auffang- und Reinigungsanlagen, um eine noch größere Umweltkatastrophe zu verhindern. Doch bis die Abwässer dort ankommen, sind Böden, Natur und Grundwasser bereits belastet.
Diese Entwicklung wirft auch politische Fragen auf. Immer wieder wird Israel international wegen Umwelt- und Infrastrukturmaßnahmen in Judäa und Samaria kritisiert. Gleichzeitig erhält die chronische Umweltverschmutzung durch unzureichende Abwasserbehandlung sowie unkontrollierte Müllverbrennungen am Straßenrand in palästinensisch verwalteten Gebieten vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit.
Umweltprobleme werden nicht dadurch gelöst, dass Verantwortung einseitig Israel zugeschoben wird. Vielmehr braucht es funktionierende Verwaltung, konsequente Umweltauflagen und die Bereitschaft aller Beteiligten, gemeinsam Lösungen umzusetzen.
Der Fall des Hebron-Bachs zeigt eindrücklich: Umweltverschmutzung kennt weder Grenzen noch politische Narrative.
Kritik muss dort geäußert werden, wo Umweltstandards missachtet werden – unabhängig davon, ob dies in Israel oder unter der Verantwortung der Palästinensischen Autonomiebehörde geschieht.
Eine sachliche und ausgewogene Debatte setzt voraus, dass alle Fakten auf den Tisch kommen – auch dann, wenn sie nicht in das verbreitete politische Narrativ passen.
Bildquelle: https://www.timesofisrael.com/as-toxic-sewage-and-factory-sludge-choke-hebron-stream-locals-refuse-to-go-with-the-flow/