Am 23. Juni 2026 begehen Juden weltweit Tisha B’Av (den 9. Aw) – den wohl traurigsten Tag im jüdischen Kalender. Es ist ein Fast- und Trauertag, an dem der Zerstörung der beiden jüdischen Tempel in Jerusalem gedacht wird: des Ersten Tempels durch die Babylonier im Jahr 586 v. Chr. und des Zweiten Tempels durch die Römer im Jahr 70 n. Chr.

Der Tempelberg in Jerusalem ist damit für Juden nicht nur ein historischer Ort, sondern das spirituelle Zentrum ihres Glaubens. Nach jüdischer Tradition befanden sich dort der Tempel und das Allerheiligste – der Ort, an dem die Verbindung zwischen Gott und dem jüdischen Volk symbolisch verankert war.

Der Tempelberg heute: Ein heiliger Ort mit komplizierter Realität

Heute befindet sich auf dem Tempelberg der muslimische Haram al-Sharif mit der Al-Aqsa-Moschee und dem Felsendom. Nach dem Sechstagekrieg 1967 übernahm Israel die Kontrolle über die Jerusalemer Altstadt und damit auch über den Tempelberg. Gleichzeitig wurde jedoch eine besondere Regelung beibehalten: Die islamische Religionsverwaltung (Waqf) kontrolliert die religiösen Angelegenheiten auf dem Plateau.

Der sogenannte „Status quo“ sieht vor, dass:

  • Muslime auf dem Tempelberg beten dürfen.
  • Nichtmuslime, darunter Juden, den Tempelberg zu bestimmten Zeiten besuchen dürfen.
  • Juden dort nicht beten dürfen.

Gerade an Tisha B’Av führt diese Regelung regelmäßig zu Spannungen. Viele Juden empfinden es als zutiefst widersprüchlich, dass ihnen der Zugang zu einem Ort, der im Mittelpunkt ihrer eigenen religiösen Geschichte steht, für Gebete untersagt ist.

Gleichzeitig ist der Tempelberg für Muslime der drittheiligste Ort des Islam. Jede Veränderung des Status quo wird daher von vielen als Bedrohung ihrer religiösen Rechte wahrgenommen. Die Frage nach Gebetsrechten auf dem Tempelberg gehört deshalb zu den sensibelsten Themen des israelisch-palästinensischen Konflikts.

Die Klagemauer: Das heiligste Gebetszentrum der Juden war jahrzehntelang unzugänglich

Für viele Juden ist heute die Klagemauer (Kotel) der wichtigste Ort des Gebets. Sie ist die westliche Stützmauer des ehemaligen Tempelplateaus und erinnert unmittelbar an die Existenz des jüdischen Tempels.

Doch auch dieser Ort war für Juden nicht immer frei zugänglich.

Von 1948 bis 1967, während der jordanischen Herrschaft über Ostjerusalem, war Juden der Zugang zur Klagemauer verwehrt. Trotz der Vereinbarungen im Waffenstillstandsabkommen von 1949, das den Zugang zu heiligen Stätten grundsätzlich schützen sollte, konnten Juden 19 Jahre lang nicht an diesem Ort beten.

Erst nach der Einnahme der Altstadt durch Israel im Juni 1967 konnten Juden wieder frei zur Klagemauer gelangen und dort beten.

Diese historische Erfahrung prägt bis heute viele jüdische Diskussionen über die Bedeutung Jerusalems und die Sorge, erneut den Zugang zu zentralen religiösen Orten zu verlieren.

Die Zwei-Staaten-Lösung und die Frage Jerusalems

Auch bei einer möglichen zukünftigen Zwei-Staaten-Lösung bleibt Jerusalem eine der schwierigsten Fragen. Der Status der Klagemauer und der Altstadt wäre Gegenstand von Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern. Viele Israelis und Juden fragen sich dabei, wie der Schutz jüdischer Heiligtümer garantiert werden könnte, sollte die Klagemauer künftig unter palästinensische Souveränität fallen. Diese Sorge wird verstärkt durch Äußerunge palästinensischer Politiker und religiöser Vertreter, die die historische Verbindung des Judentums zum Tempelberg infrage stellen oder die Existenz eines jüdischen Tempels an diesem Ort bestreiten. Historisch und archäologisch ist die Existenz des jüdischen Tempels jedoch durch zahlreiche Quellen belegt – darunter jüdische, römische und andere antike Zeugnisse.

Für viele Juden ist daher nicht nur die territoriale Frage entscheidend, sondern auch die Frage nach Anerkennung: Wird eine zukünftige politische Lösung die jüdische Geschichte Jerusalems respektieren?

Tisha B’Av als Erinnerung und Mahnung

Tisha B’Av ist mehr als eine Erinnerung an vergangene Zerstörungen. Es ist ein Tag, an dem über Verlust, Exil und die Bedeutung Jerusalems nachgedacht wird.

Die Debatte um den Tempelberg zeigt, wie stark Geschichte, Religion und Politik in Jerusalem miteinander verbunden sind. Ein nachhaltiger Frieden wird nur möglich sein, wenn alle Seiten die religiöse und historische Bedeutung der heiligen Stätten des jeweils anderen anerkennen.

Für Juden bleibt Tisha B’Av deshalb ein Tag der Trauer – aber auch ein Tag der Hoffnung auf eine Zukunft, in der Jerusalem nicht ein Symbol des Konflikts, sondern ein Ort gegenseitigen Respekts