Antisemitismus in Baden-Württemberg: Der Blick auf die Straße – und in unsere Mitte

Es ist ein Bericht, der aufhorchen lassen muss: Im Jahr 2025 dokumentierte RIAS Baden-Württemberg 335 antisemitische Vorfälle – durchschnittlich 6,5 pro Woche, also nahezu einen Vorfall pro Tag. Darunter waren 16 körperliche Angriffe, 8 Bedrohungen und 31 gezielte Sachbeschädigungen. Hinzu kommen hunderte Fälle von Beleidigungen, Schmierereien, Aufklebern und antisemitischen Äußerungen im Internet und im öffentlichen Raum. Es ist allerdings von einem erheblichen Dunkelfeld auszugehen.

Der Bericht ist zugleich eine Premiere: RIAS Baden-Württemberg nahm erst im Januar 2025 seine Arbeit auf. Die Zahlen sind deshalb keine Zeitreihe, aus der sich eine Entwicklung gegenüber früheren Jahren ableiten ließe, sondern vielmehr eine erste systematische Bestandsaufnahme.

Die entscheidende Zahl: 71% Israelbezug

Besonders bemerkenswert ist die Zusammensetzung der Vorfälle. In 238 von 335 Fällen – 71% – stellte RIAS israelbezogenen Antisemitismus fest. Damit ist dies mit großem Abstand die häufigste dokumentierte Erscheinungsform. Post-Schoa-Antisemitismus wurde in 25% der Fälle festgestellt.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jede Kritik an der israelischen Regierung antisemitisch wäre. Eine demokratische Gesellschaft muss auch scharfe Kritik an israelischer Politik aushalten. Entscheidend ist vielmehr, wann aus Israelkritik ein antisemitisches Feindbild wird – etwa wenn Juden kollektiv für die Politik Israels verantwortlich gemacht werden, wenn Israel als grundsätzlich illegitimer Staat dargestellt wird oder wenn jüdischen Menschen das Recht auf politische Selbstbestimmung abgesprochen wird.

Gerade deshalb ist der Bericht für die aktuelle Debatte wichtig: Er zeigt, dass sich klassischer Antisemitismus und Israelhass häufig nicht voneinander trennen lassen. Alte antisemitische Vorstellungen werden in neue politische Begriffe übersetzt.

Ein besonders eindrückliches Beispiel liefert der Bericht aus Stuttgart: Ein Taxifahrer erklärte gegenüber einer jüdischen Fahrgastperson unter anderem, „die Juden“ sollten Israel verlassen, und gipfelte schließlich in der Aussage, Hitler habe es „richtig gemacht“. Eine Beleidung, die man in den vergangenen Monaten immer häufiger hört.

Hier wird sichtbar, was mit israelbezogenem Antisemitismus gemeint ist: Die scheinbare Auseinandersetzung mit einem Staat kann innerhalb kürzester Zeit in offenen Judenhass umschlagen.

Mannheim ist ein besonderer Brennpunkt

Für die DIG – Deutsch-Israelische Gesellschaft ist eine Zahl besonders relevant:

33 Versammlungen mit antisemitischen Vorkommnissen wurden allein in Mannheim registriert. Das entspricht 29% aller entsprechenden Versammlungen in Baden-Württemberg – mehr als in Stuttgart oder Freiburg. Weitere fünf wurden in Heidelberg dokumentiert. Damit entfällt ein erheblicher Teil des baden-württembergischen Versammlungsgeschehens mit antisemitischen Inhalten auf unsere Region.

RIAS dokumentierte beispielsweise bei der Mannheimer Mai-Demonstration einen sogenannten „Palästina-Block“, bei dem „Zionisten“ pauschal als „Siedler, Mörder und Faschisten“ bezeichnet wurden. Hinzu kamen die Parole „Jemen, Jemen zeigt, wie’s geht“ – im Zusammenhang mit den Raketenangriffen der Huthi auf Israel – sowie „Long live the Intifada“.

Das sollte gesellschaftlich nicht als gewöhnlicher politischer Protest abgetan werden. Denn die entscheidende Frage lautet: Was geschieht, wenn die Delegitimierung Israels, die Dämonisierung von Zionismus und die Verherrlichung von Gewalt auf öffentlichen Demonstrationen zur Normalität werden?

RIAS weist selbst darauf hin, dass Demonstrationen eine besondere Bedeutung haben, weil antisemitische Inhalte dort offen und durch Wiederholung sichtbar und scheinbar gesellschaftlich akzeptabel werden.

Das Problem ist nicht auf ein politisches Lager beschränkt

Eine Stärke des Berichts besteht darin, dass RIAS Antisemitismus nicht auf eine einzige politische Richtung reduziert.

Bei 55% der Fälle konnte überhaupt kein eindeutiger politisch-weltanschaulicher Hintergrund festgestellt werden. Bei den Fällen, bei denen eine Zuordnung möglich war, entfielen 29% auf „antiisraelischen Aktivismus“, 7% auf das rechtsextreme und 6 Prozent auf das links-antiimperialistische Spektrum. Islamisch/islamistische Hintergründe wurden bei 1,5%, verschwörungsideologische bei weniger als 1% festgestellt.

Diese Zahlen sollten weder verharmlost noch missverstanden werden. Sie zeigen zunächst: Antisemitismus ist kein Monopol einer politischen Richtung. Rechter Antisemitismus existiert. Linker Antisemitismus existiert. Islamistisch motivierter Antisemitismus existiert. Verschwörungsideologischer Antisemitismus existiert. Und es gibt antisemitische Einstellungen, deren politische Herkunft überhaupt nicht eindeutig feststellbar ist.

Gleichzeitig zeigt der Bericht aber auch sehr deutlich, dass der israelbezogene Antisemitismus im Jahr 2025 die zentrale Erscheinungsform des dokumentierten Antisemitismus in Baden-Württemberg war. Das ist eine Feststellung, der sich die politische und gesellschaftliche Debatte stellen muss – unabhängig davon, aus welchem politischen Lager die jeweiligen Akteure kommen.

Besonders alarmierend: Schulen und Hochschulen

40 antisemitische Vorfälle wurden an Bildungseinrichtungen dokumentiert. 24 davon ereigneten sich unmittelbar an Hochschulen; unter Einbeziehung weiterer Vorfälle mit Hochschulbezug kommt RIAS auf 29 Fälle.

Noch erschreckender sind manche Beispiele.

Ein jüdisch-israelischer Schüler wurde auf dem Schulhof aufgefordert, sich für angebliche israelische Verbrechen zu rechtfertigen. Ein anderer jüdischer Schüler wurde antisemitisch gemobbt und eine Treppe hinuntergestoßen; Mitschüler riefen ihm zu: „Es interessiert niemanden, wenn du stirbst.“

Eine jüdische Schülerin musste nach massivem antisemitischem Mobbing die Schule wechseln. Die Täter blieben.

An einer Hochschule wurde einer jüdischen Studentin wegen ihres Davidsterns zunächst die Teilnahme an einem Gewinnspiel verweigert. Anschließend wurde der antisemitische Mythos geäußert, Juden würden „alles kontrollieren“.

Das sind keine abstrakten Debatten über den Nahostkonflikt. Das sind konkrete Erfahrungen jüdischer Menschen in Baden-Württemberg.

Und genau hier liegt eine der wichtigsten Erkenntnisse des Berichts: Antisemitismus ist für Betroffene kein politisches Schlagwort, sondern eine Alltagserfahrung.

Wenn „Israel“ plötzlich der Umweg zu Judenhass wird

Ein besonders gefährliches Muster zieht sich durch den Bericht: Menschen werden nicht deshalb angefeindet, weil sie eine konkrete politische Entscheidung der israelischen Regierung vertreten, sondern weil sie als jüdisch, israelisch oder israelsolidarisch wahrgenommen werden.

Das zeigt sich etwa bei Angriffen auf jüdische Gemeindemitglieder, bei antisemitischen Äußerungen gegenüber Menschen mit Davidstern oder Kippa und bei Angriffen auf Einrichtungen, Unternehmen oder Veranstaltungen, die lediglich mit Israel verbunden werden.

Ein Restaurant in Freiburg, dessen Betreiber weder jüdisch noch israelisch war, wurde nach Eröffnung mit Hassnachrichten, Beleidigungen, Drohungen und Boykottaufrufen konfrontiert, weil es israelische Spezialitäten anbot.

Aktionsstände der DIG – Deutsch-Israelische Gesellschaft, die eine Möglichkeit zum friedlichen und demokratischen Austausch bieten sollen, können nur unter Polizeischutz stattfinden – für den wir dankbar sind – und auch hier sind wir massiven Beleidigungen und Angriffen ausgesetzt. Nur weil wir dastehen.

Das ist der Punkt, an dem die angebliche „Israelkritik“ ihre Maske verliert. Denn wenn ein Mensch für die Politik eines Staates verantwortlich gemacht wird, nur weil man ihn für jüdisch oder israelisch hält, ist das kein politischer Diskurs mehr. Es ist Vorverurteilung und Kollektivhaftung.

Eine wichtige methodische Einschränkung

Bei aller Bedeutung des Berichts sollte man seine Zahlen korrekt einordnen. RIAS ist keine Polizeibehörde und keine Strafverfolgungsinstitution. Dokumentiert werden antisemitische Vorfälle oberhalb und unterhalb der Strafbarkeitsgrenze. Die Fälle werden von RIAS anhand eigener Kategorien erfasst und durch zwei Mitarbeitende im Austausch mit den Meldenden verifiziert. Die Einordnung orientiert sich an der IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus. RIAS erklärt zudem ausdrücklich, dass 2025 kein systematischer Abgleich mit Polizeistatistiken oder Schulbehörden vorgenommen wurde. Die 335 Vorfälle sind deshalb nicht mit der Zahl polizeilich registrierter antisemitischer Straftaten gleichzusetzen.

Das kommt daher, weil viele Betroffene die Polizei gar nicht erst einschalten, weil sie keine erfolgreiche und effektive Strafverfolgung erwarten. Auch viele Schulen melden antisemitische Vorfälle nicht. Hakenkreuze oder andere antisemitische Schmierereien werden oft einfach von den Reihnigungskräften entfernt. Beleidigungen werden kritisiert, aber nicht gemeldet.

Gerade diese Unterscheidung ist wichtig: RIAS will nicht die Polizeistatistik ersetzen, sondern das Dunkelfeld sichtbar machen – insbesondere auch dort, wo Betroffene den Gang zur Polizei bewusst nicht mehr wählen.

Der eigentliche Skandal ist die Normalisierung

Vielleicht ist dies die wichtigste Schlussfolgerung aus dem Bericht. Antisemitismus beginnt nicht erst mit einem körperlichen Angriff. Er beginnt dort, wo Menschen aufgrund ihrer jüdischen Identität ihre Kippa verstecken. Wo ein Davidstern zum Anlass für Anfeindungen wird. Wo jüdische Schüler sich für Israel rechtfertigen sollen. Wo Demonstrationsparolen die Existenz Israels infrage stellen. Wo „Zionist“ als pauschales Schimpfwort verwendet wird. Und wo Umstehende nicht einschreiten.

RIAS dokumentierte 277 Fälle des sogenannten „verletzenden Verhaltens“ – 83% aller Vorfälle. Darunter fallen unter anderem verbale Anfeindungen, Online-Hass, Schmierereien und antisemitische Aufkleber. Gerade diese scheinbar „kleinen“ Vorfälle dürfen nicht unterschätzt werden. Denn aus der Summe alltäglicher Grenzüberschreitungen entsteht ein gesellschaftliches Klima, in dem jüdisches Leben unsichtbarer wird.

Was folgt daraus für uns?

Der Bericht ist deshalb nicht nur eine Statistik, sondern ein Auftrag. Für Politik und Behörden bedeutet er: antisemitische Vorfälle konsequent verfolgen und Betroffene schützen.

Für Schulen und Hochschulen bedeutet er: Antisemitismus darf nicht als „Konflikt zwischen zwei Seiten“ verharmlost werden. Ein jüdisches Kind muss sich nicht für die Politik Israels rechtfertigen. Und ein Problem ist nicht dadurch gelöst, daß das jüdische Kind die Schule verlässt.

Für Demonstrationsveranstalter bedeutet er: Wer antisemitische Parolen hört, darf nicht schweigen. Bündnisse, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Hochschulen und zivilgesellschaftliche Organisationen müssen sich klar distanzieren – auch dann, wenn die antisemitischen Äußerungen aus dem eigenen politischen Umfeld kommen.

Und für jeden Einzelnen bedeutet es: Widerspruch beginnt dort, wo Antisemitismus sichtbar wird.

Die Zahlen von RIAS machen deutlich, dass Baden-Württemberg keineswegs eine Insel der Toleranz ist. Besonders die Situation in Mannheim und im Rhein-Neckar-Raum sollte uns dabei zu denken geben. 33 Versammlungen mit antisemitischen Vorkommnissen in Mannheim sind keine Randnotiz.

Sie sind ein Warnsignal.

Als DIG – Deutsch-Israelische Gesellschaft sehen wir deshalb in diesem Bericht nicht nur eine Dokumentation, sondern einen Auftrag: Wir müssen noch lauterbwerden, noch genauer hinsehen, noch klarer benennen und noch früher widersprechen.

Antisemitismus beginnt nicht erst mit Gewalt. Aber Gewalt beginnt häufig dort, wo Antisemitismus zu lange unwidersprochen bleibt.

https://report-antisemitism.de/documents/17-06-26_RIAS_Bund_Jahresbericht_2025.pdf