Nein.

Aber die Geschichte dahinter ist interessant.

Immer wieder wird in sozialen Medien versucht, Benjamin Netanyahu – בנימין נתניהו mit seinem angeblich „eigentlichen“ Namen Mileikowsky zu „entlarven“. Daraus wird dann behauptet, Netanyahu sei „in Wirklichkeit Pole“ und Israel deshalb ein Staat europäischer Einwanderer.

Das Problem: Diese Argumentation beruht auf einem grundlegenden Missverständnis jüdischer Namensgeschichte.

Benjamin Netanyahu hieß nie Mileikowsky. Sein Vater Benzion wurde 1910 in Warschau als Benzion Mileikowsky geboren, seine Mutter im britischen Mandatsgebiet Palästina. Die Familie nahm später in Palästina den Namen Netanyahu an – noch bevor Benjamin Netanyahu 1949 in Tel Aviv geboren wurde.

Doch warum hatten jüdische Familien in Osteuropa überhaupt Namen wie Mileikowsky, Goldberg, Rosenberg, Blumenthal, Lilienthal, oder Rosenblatt?

Familiennamen wurden Juden in Osteuropa vielfach erst relativ spät auferlegt

Bis ins 18. Jahrhundert hatten viele Juden in Osteuropa überhaupt keinen erblichen Familiennamen im heutigen Sinn. Man wurde beispielsweise über den eigenen Namen und den Namen des Vaters bezeichnet – „X, Sohn des Y“ also z.B. – „Jacob Ben Salomon“. Dazu kamen traditionelle Bezeichnungen wie Kohen oder Levi.

Das änderte sich, als die europäischen Staaten begannen, ihre jüdische Bevölkerung systematisch zu registrieren.

Im Habsburgerreich schrieb eine Verordnung von 1787 die Annahme erblicher Familiennamen vor. Wer keinen Namen auswählte, dem konnte ein österreichischer Beamter einen Namen zuweisen. YIVO beschreibt ausdrücklich, dass die Auswahl in solchen Fällen letztlich von der Vorstellungskraft des Beamten abhing. Das ging manchmal gut, aber manchmal auch negativ aus.

Auch im Russischen Reich und in den von ihm kontrollierten polnischen Gebieten wurden jüdische Familien im 19. Jahrhundert zur Führung von Familiennamen verpflichtet. Die Namen wurden teilweise aus vorhandenen Vor- und Ortsnamen gebildet, teilweise aus Berufen, Pflanzen, Tieren oder anderen Wörtern.

So entstanden künstliche Namen wie Danziger, Blumenthal, Goldberg, Rosenbaum oder Rosenblatt. Andere Namen wurden aus Vornamen gebildet – etwa mit Endungen wie -in, -owicz oder -ovich.

Und ja: Es gab auch Fälle, in denen Behörden abwertende oder geradezu beleidigende Namen vergaben. Kleinmann, Schwarz, Weissmann.

Der Familienname, den ein osteuropäischer Jude trug, war also keineswegs automatisch ein uralter, freiwillig gewählter Name seines „Volkes“. Er war meistend das Ergebnis staatlicher Registrierung.

Deshalb war die Hebräisierung für viele Jüdinnen und Juden ein Akt der Befreiung. Als jüdische Einwanderer nach Palästina kamen, änderten viele ihren europäischen Familiennamen. Nicht, weil sie ihre Herkunft verleugnen wollten, sondern häufig gerade, weil sie nicht mehr wollten, dass ein europäischer Staat oder seine Bürokratie ihre jüdische Identität bestimmte.

Das war eine bewusste Botschaft.

YIVO beschreibt, dass die Hebräisierung von Familiennamen im vorstaatlichen Israel weit verbreitet war. Manche Namen wurden übersetzt, manche klanglich angepasst, andere vollständig neu gewählt.

Und genau deshalb ist „Mileikowsky“ keine Enthüllung. Der Name erzählt etwas über die osteuropäische Familiengeschichte von Netanyahus Vater. Er macht Benjamin Netanyahu aber nicht zum „vetsteckten Polen“.

Benzion wurde in Warschau geboren, als die Stadt zum Russischen Kaiserreich gehörte. Die Familie lebte in einer jüdischen Welt Osteuropas, deren politische Grenzen sich mehrfach veränderten.

Und Benjamin Netanyahu selbst?

Geboren 1949 in Tel Aviv.

Der Name Netanyahu war also kein späterer Versuch, eine angeblich „polnische“ Identität zu verstecken. Sein Vater hatte den Namen bereits angenommen, bevor Benjamin geboren wurde.

Die Geschichte jüdischer Namen in Europa ist eine Geschichte von staatlicher Kontrolle, Fremdbestimmung, Migration und schließlich ein Schritt heraus aus der von Europa bestimmten Identität und hinein in eine selbst gewählte jüdische Identität.

Und genau diese Geschichte sollte man kennen, bevor man mit „Mileikowsky!“ eine angebliche Enthüllung präsentieren möchte.