Ein Blick auf die Landkarte von 1922 zeigt eine historische Tatsache, die in heutigen Debatten häufig verloren geht: Das Britische Mandat für Palästina umfasste nicht nur das Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan, sondern ursprünglich das gesamte historische Mandatsgebiet einschließlich des heutigen Jordaniens.
Am 24. Juli 1922 bestätigte der Völkerbund offiziell das Britische Mandat für Palästina. Dieser Beschluss war ein entscheidender Meilenstein in der internationalen Neuordnung des Nahen Ostens nach dem Ersten Weltkrieg und ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur späteren Gründung des Staates Israel.
Die Entscheidung fiel in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen. Nach über 400 Jahren osmanischer Herrschaft war das Gebiet Palästinas im Ersten Weltkrieg von den britischen Truppen erobert worden. Die Niederlage des Osmanischen Reiches führte zur Auflösung einer alten imperialen Ordnung und zur Schaffung neuer politischer Strukturen unter der Aufsicht des Völkerbundes.
Von der Balfour-Erklärung zum Mandat des Völkerbundes
Die Grundlage für das Mandat bildete die Balfour-Erklärung vom 2. November 1917. Der britische Außenminister Arthur James Balfour erklärte darin, dass die britische Regierung die Errichtung einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk“ in Palästina unterstützen werde – verbunden mit der ausdrücklichen Verpflichtung, die zivilen und religiösen Rechte der bestehenden nichtjüdischen Bevölkerung zu schützen.
Nach dem Sieg der Alliierten über das Osmanische Reich wurde diese Erklärung Teil der internationalen Nachkriegsordnung. Auf der Konferenz von San Remo im April 1920 beschlossen die Siegermächte, Großbritannien das Mandat über Palästina zu übertragen. Der Völkerbund übernahm damit eine neue Rolle: Er sollte nicht mehr nur zwischen Staaten vermitteln, sondern auch die Verwaltung ehemaliger osmanischer Gebiete überwachen, bis diese zur Selbstverwaltung bereit waren.
Am 24. Juli 1922 wurde das Mandat durch den Völkerbund offiziell bestätigt. Es trat am 29. September 1923 in Kraft.
Der Mandatstext enthielt eine historische Besonderheit: Er erkannte ausdrücklich die „historische Verbindung des jüdischen Volkes mit Palästina“ an und verpflichtete Großbritannien, die Errichtung einer jüdischen nationalen Heimstätte zu fördern.
Was umfasste das Mandatsgebiet Palästina?
Ein Blick auf die Karte des Jahres 1922 ist entscheidend für das Verständnis der Geschichte. Das ursprüngliche Mandatsgebiet Palästina erstreckte sich über das gesamte Gebiet westlich und östlich des Jordan. Es umfasste:
- das heutige Israel,
- das Westjordanland,
- den Gazastreifen,
- sowie das heutige Königreich Jordanien.
Es handelte sich um ein Gebiet von etwa 120.000 Quadratkilometern – mehr als zehnmal so groß wie das heutige Israel innerhalb der Waffenstillstandslinien von 1949.
In den heutigen politischen Diskussionen wird häufig der Begriff „Palästina“ verwendet, als habe er sich ausschließlich auf das Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan bezogen. Historisch betrachtet bezeichnete „Palästina“ im Kontext des Britischen Mandats jedoch das gesamte Mandatsgebiet.
Gerade deshalb ist es bemerkenswert, dass heutige Kampagnen, die mit dem Slogan „Free Palestine from the river to the sea“ auftreten, häufig Karten verwenden, die nur den westlichen Teil des ehemaligen Mandatsgebiets zeigen. Dabei wird ein zentraler historischer Fakt ausgeblendet: Ein großer Teil des ursprünglichen Mandatsgebiets – das Gebiet östlich des Jordan – wurde bereits 1921/1922 von Großbritannien aus dem jüdischen Siedlungsgebiet herausgelöst und als Emirat Transjordanien unter der Herrschaft von Abdullah ibn Hussein eingerichtet.
Die Teilung des Mandatsgebiets: Transjordanien entsteht
Diese Entscheidung war von enormer Bedeutung.
Im März 1921 entschied die britische Regierung unter Kolonialminister Winston Churchill, Transjordanien zunächst aus der Anwendung der Bestimmungen zur jüdischen nationalen Heimstätte auszunehmen. Abdullah ibn Hussein, ein Sohn des Scherifen Hussein von Mekka, wurde als Emir eingesetzt.
Das Gebiet östlich des Jordan machte etwa 77% des ursprünglichen Mandatsgebiets aus. Damit war bereits vor der Gründung Israels ein großer Teil des Mandatsgebietes einer arabischen Herrschaft zugeordnet worden.
1923 erhielt Transjordanien eine weitgehende Selbstverwaltung und wurde 1946 als unabhängiges Königreich Jordanien anerkannt.
Die jüdische nationale Heimstätte: Aufbau einer Gesellschaft
Das Mandat bedeutete nicht automatisch die Gründung eines jüdischen Staates. Es schuf jedoch einen internationalen Rechtsrahmen, innerhalb dessen die jüdische Bevölkerung eine nationale Heimstätte entwickeln sollte.
In den folgenden Jahrzehnten entstanden:
- neue jüdische Siedlungen und landwirtschaftliche Gemeinden,
- die Stadt Tel Aviv als modernes jüdisches Zentrum,
- Schulen und Universitäten,
- Krankenhäuser,
- wirtschaftliche Organisationen,
- politische Institutionen,
- kulturelle Einrichtungen und die Wiederbelebung der hebräischen Sprache.
Die jüdische Bevölkerung wuchs durch Einwanderung stark an. Besonders nach dem Aufstieg des Nationalsozialismus in Europa wurde Palästina für viele Juden zu einem Zufluchtsort. Gleichzeitig führte die zunehmende Einwanderung zu wachsenden Spannungen mit Teilen der arabischen Bevölkerung, die ebenfalls nationale Ambitionen entwickelte.
Zwei nationale Bewegungen – ein Land
Die Geschichte des Mandats ist komplex. Sie erzählt von zwei Bevölkerungsgruppen, die politische Zukunftsvorstellungen entwickelten. Die jüdische Bewegung sah in Palästina die historische Heimat des jüdischen Volkes und einen Ort, an dem nach Jahrhunderten der Verfolgung Sicherheit und Selbstbestimmung entstehen konnten.
Die arabische Bevölkerung entwickelte gleichzeitig eine eigene nationale Bewegung und lehnte zunehmend die Schaffung einer jüdischen nationalen Heimstätte ab.
Diese konkurrierenden nationalen Ansprüche prägten die gesamte Mandatszeit und führten schließlich zur internationalen Teilungsentscheidung der Vereinten Nationen im Jahr 1947.
Warum der 24. Juli 1922 heute noch wichtig ist
Der Beschluss des Völkerbundes vom 24. Juli 1922 ist ein historischer Wendepunkt. Er war keine nachträgliche Erfindung, sondern Teil einer internationalen Vereinbarung nach dem Ersten Weltkrieg. Er erinnert daran, dass die Entstehung Israels nicht plötzlich im Jahr 1948 begann. Die Staatsgründung war der Höhepunkt eines jahrzehntelangen Prozesses der die historischen Verbindung des jüdischen Volkes zu seinem Land und sein Streben nach nationaler Selbstbestimmung anerkannte.
Wenn heute über „Palästina“ gesprochen wird, ist es deshalb wichtig, die historischen Begriffe korrekt einzuordnen. Die Karte von 1922 zeigt: Das Britische Mandat Palästina war ein größeres Gebiet als das, was viele heutige Darstellungen suggerieren. Die Geschichte dieses Landes begann nicht erst 1948 – und sie lässt sich nicht auf eine einzige Perspektive reduzieren.
Der 24. Juli 1922 erinnert daran, dass die Geschichte Israels und der Region eine Geschichte internationaler Entscheidungen, nationaler Bewegungen und komplexer historischer Entwicklungen ist.