Es gibt Daten, die in der israelischen Erinnerung unauslöschlich eingebrannt sind – und es gibt Daten, die in großen Teilen der internationalen Debatte über den Nahostkonflikt nicht vorkommen.
Der 23. und 24. August 1929 gehören zur zweiten Kategorie. In diesen Tagen wurde die jahrhundertealte jüdische Gemeinde von Hebron Opfer eines Pogroms. 67 Juden wurden ermordet, darunter Frauen und Kinder; mehr als 50 weitere wurden verletzt. Jüdische Häuser wurden geplündert, Synagogen geschändet und ein jüdisches Krankenhaus, in dem auch Araber behandelt worden waren, wurde angegriffen.
Das Entscheidende daran ist: Das ist keine nachträgliche israelische Interpretation der Geschichte. Es steht im Bericht einer britischen Untersuchungskommission, der sogenannten Shaw Commission.
Die Kommission stellte fest, dass der Angriff am 24. August 1929 in Hebron von arabischen Menschenmengen ausging und beschrieb ihn als einen „most ferocious attack“. Mehr als 60 Juden – ausdrücklich darunter Frauen und Kinder – wurden ermordet. Der Angriff sei von Plünderung und Zerstörung begleitet gewesen. Die Synagogen seien geschändet und das jüdische Krankenhaus geplündert worden.
Und es hätte noch schlimmer kommen können.
Der britische Polizist Raymond Cafferata, der zu diesem Zeitpunkt praktisch allein für die Sicherheit in Hebron verantwortlich war, stellte sich den Angreifern entgegen. Nach dem Bericht der Untersuchungskommission verhinderte nur sein außergewöhnlicher persönlicher Mut, dass aus dem Pogrom ein vollständiges Massaker an der jüdischen Bevölkerung Hebrons wurde.
Eine jüdische Gemeinde wurde ausgelöscht
Hebron war dabei keineswegs eine neu gegründete zionistische Siedlung. Juden lebten dort seit Jahrhunderten. 1929 bestand in der Stadt eine jüdische Gemeinschaft von mehreren hundert Menschen. Neben alteingesessenen sephardischen Familien lebten dort auch Studenten der Slobodka-Jeschiwa.
Und gerade deshalb ist die Geschichte so unbequem. Denn sie passt nicht in die simple Erzählung, wonach jüdische Gewalt und zionistische Expansion der Ursprung jeder Gewalt in Palästina gewesen seien.
Oder dass Juden und Araber doch immer friedlich zusammen gelebt hätten.
Und was war der Auslöser?
Die Gewalt von 1929 entwickelte sich im Zusammenhang mit den Spannungen um die Klagemauer in Jerusalem, religiöser Propaganda und der zunehmenden politischen Mobilisierung gegen die jüdische Bevölkerung.
Die britische Shaw Commission kam zu dem Schluss, dass die grundlegende Ursache der Unruhen eine arabische Feindseligkeit gegenüber den Juden gewesen sei, verbunden mit politischen und wirtschaftlichen Ängsten. Sie stellte außerdem fest, dass die Unruhen in Jerusalem am 23. August von Beginn an einen Angriff von Arabern auf Juden darstellten und dass dafür keine vorherigen jüdischen Morde als Rechtfertigung festgestellt werden konnten.
Warum hört man davon so wenig?
Hier beginnt das eigentliche Problem der heutigen Erinnerungskultur.
Wer den israelisch-palästinensischen Konflikt ausschließlich als Geschichte von „Unterdrückern“ und „Unterdrückten“ erzählt, bekommt mit Hebron 1929 ein erhebliches Problem.
Denn die Opfer waren Juden. Die Täter waren Araber. Oder – glaubt man den „Palestine 48“ Aktivisten.- Palästinenser.
Sie wurden nicht getötet, weil sie israelische Soldaten waren. Israel existierte damals noch gar nicht.
Sie wurden nicht getötet, weil sie Gaza bombardiert hatten.
Sie wurden nicht getötet, weil sie Siedlungen im Westjordanland errichtet hatten.
Sie wurden als Juden angegriffen und ermordet – in einer Stadt, in der Juden seit Jahrhunderten gelebt hatten.
Das macht Hebron 1929 zu einem historischen Gegenbeispiel zu einer allzu bequemen Erzählung.
Und deshalb sollte man gerade heute darüber sprechen, weil Geschichte nicht selektiv sein darf. Wer verlangt, dass palästinensische Geschichte gehört wird, muss auch die jüdische Geschichte hören.
Hebron ist mehr als ein Kapitel der Vergangenheit. Die Bedeutung des Massakers reicht weit über die 67 Ermordeten hinaus.
Die überlebenden Juden wurden nach Jerusalem evakuiert. Ein Teil der jüdischen Gemeinschaft kehrte 1931 zwar zurück, doch 1936 evakuierten die britischen Behörden die jüdischen Einwohner angesichts der erneuten Gewalt endgültig aus Hebron. Damit endete die jahrhundertealte jüdische Präsenz in der Stadt praktisch.
Erinnerung darf kein politisches Monopol sein
Es ist bemerkenswert, wie häufig heute von „historischer Erinnerung“ gesprochen wird. Doch Erinnerung ist nur dann glaubwürdig, wenn sie auch dort funktioniert, wo die Geschichte der eigenen politischen Erzählung widerspricht.
Hebron, 1929, war ein Pogrom gegen Juden. Das ist keine „israelische Propaganda“.
Das ist Geschichte.
Und wenn die Erinnerung daran, wer jüdische Menschen ermordete, plötzlich als politisch unangenehm gilt, dann geht es nicht mehr um historische Aufarbeitung.
Dann geht es um einen Teil der Geschichte, den man ignoriert, weil er nicht in die heute bevorzugte politische Narrative passt.