Es gibt eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen politischer Kampagne und wirtschaftlicher Realität.

Während anti-israelische Aktivisten seit Jahren zum Boykott israelischer Unternehmen aufrufen und Regierungen versuchen, israelische Rüstungsunternehmen von internationalen Messen fernzuhalten, meldet Elbit Systems gerade Zahlen, die kaum deutlicher sein könnten: Der israelische Technologiekonzern hat im zweiten Quartal 2026 einen Umsatz von $2,3 Milliarden erzielt – rund 16% mehr als im Vorjahresquartal. Noch aussagekräftiger ist der Auftragsbestand: Er erreichte zum 30. Juni einen Rekordwert von $32 Milliarden. Rund 73% dieser Aufträge stammen von Kunden außerhalb Israels.

Das ist die Realität hinter den abgesperrten Messeständen.

Während auf europäischen Rüstungsmessen über die Teilnahme israelischer Unternehmen gestritten wird, kaufen Staaten in Europa, Nordamerika und Asien weiterhin israelische Technologie. Elbit selbst berichtet von besonders starkem Wachstum auf den internationalen Märkten. Der aktuelle Auftragsbestand wurde vor allem durch Geschäfte in Europa angetrieben.

Die Boykottkampagne ist also laut. Sie ist politisch sichtbar. Sie kann Messestände abschirmen und Unternehmen aus Veranstaltungen drängen. Aber sie hat Elbit bisher nicht aus dem internationalen Geschäft verdrängt.

Und genau deshalb lohnt ein genauerer Blick auf dieses Unternehmen. Denn wer bei „Elbit“ ausschließlich an Drohnen, Artillerie oder elektronische Kampfführung denkt, kennt nur einen Teil der Geschichte.

Elbit ist nicht nur Rüstung

Zunächst muss man einen Punkt klarstellen: Elbit Systems ist zweifellos ein bedeutender israelischer Verteidigungskonzern. Das Unternehmen entwickelt und produziert unter anderem unbemannte Systeme, elektronische Kampfführung, Aufklärungstechnologie, Kommunikation, Sensoren, Präzisionsmunition und Systeme für Land-, Luft- und Seestreitkräfte. Eine kritische Diskussion über diese Produkte, ihre Einsätze und ihre Exporte ist selbstverständlich legitim.

Aber Elbit ist gleichzeitig ein internationaler Technologiekonzern mit Geschäftsbereichen außerhalb des klassischen Rüstungsgeschäfts. Und zwei dieser Bereiche sind erstaunlich wenig bekannt: medizinische Technologie und zivile Luftfahrt. Gerade diese beiden Bereiche machen deutlich, welche Konsequenzen ein pauschaler Boykott haben kann.

Was viele nicht wissen: Elbit macht auch Medizin

Über seine amerikanische Tochter KMC Systems, die heute unter dem Namen HiArc auftritt, ist Elbit seit Jahrzehnten in der Medizin- und Life-Science-Industrie tätig. KMC ist kein Hersteller von Panzern oder Raketen. Das Unternehmen ist ein Entwicklungs- und Produktionspartner für Hersteller medizinischer Geräte und Diagnostiksysteme. Es entwickelt unter anderem hochautomatisierte Systeme für medizinische Tests, Diagnostik und klinische Arbeitsabläufe. Das bedeutet: Hinter Elbit steckt auch Technologie, die in der medizinischen Industrie eingesetzt wird – etwa bei automatisierten diagnostischen Plattformen und Laborprozessen.

Während der COVID-19-Pandemie wurde diese Kompetenz sogar genutzt, um die Entwicklung und industrielle Umsetzung von Beatmungsgeräten zu unterstützen. Das ist ein ziemlich anderer Elbit-Bereich als der, den man auf Demonstrationsplakaten mit Drohnenbildern sieht.

Vom Kampfjet ins zivile Cockpit

Noch überraschender ist Elbits zivile Luftfahrtaktivität. Die amerikanische Elbit-Tochter Kollsman/Elbit Systems of America bietet für die kommerzielle Luftfahrt unter anderem Air-Data-Systeme, Cockpit-Instrumentierung, Head-up-Displays und Vision-Systeme an. Dazu gehören komplette Avioniksysteme, Flight-Management- und Kommunikationssysteme, Displays sowie sogenannte Enhanced Flight Vision Systems (EFVS). Außerdem produziert der Konzern Aerostrukturen wie Türen, Verbundbauteile und Winglets.

Der vielleicht wichtigste Punkt dabei: Diese Systeme sollen die zivile Luftfahrt sicherer machen.

Elbits ClearVision-System kombiniert Kameras und Head-Wearable-Display-Technologie, um Piloten bei eingeschränkter Sicht – beispielsweise bei Nacht, Nebel oder schlechtem Wetter – zusätzliche Informationen über ihre Umgebung zu liefern. 2022 erhielt Universal Avionics, eine Elbit-Tochter, beispielsweise einen Auftrag über rund $33 Millionen, um Enhanced Flight Vision Systems für Boeing zu liefern. Das System soll Piloten helfen, bei eingeschränkter Sicht sicherer und effizienter zu operieren.

Und das ist keineswegs auf ein einzelnes Flugzeugmodell beschränkt. Elbits zivile Luftfahrtsparte arbeitet in einer internationalen Lieferkette mit großen Flugzeug- und Luftfahrtunternehmen zusammen. Das Portfolio umfasst Systeme für kommerzielle und Business-Flugzeuge ebenso wie für kommerzielle Hubschrauber.

Der irische Regierungsjet: Wenn Ideologie auf Sicherheit trifft

Ein aktueller Fall aus Irland zeigt besonders drastisch, was ein konsequenter Boykott bedeuten kann. Irland hat Ende 2025 einen neuen Dassault Falcon 6X als strategisches Regierungsflugzeug erhalten. Das Flugzeug soll unter anderem für den Taoiseach, Regierungsmitglieder und offizielle internationale Reisen eingesetzt werden. Der Falcon 6X kann mit einem System namens FalconEye ausgestattet werden. FalconEye stammt von Elbit. Es handelt sich um ein Enhanced Flight Vision System, das mithilfe verschiedener Sensoren und Kameras die Sicht des Piloten bei schwierigen Bedingungen verbessert – insbesondere bei eingeschränkter Sicht und Nachtflug.

Irland entschied sich jedoch gegen die Ausstattung mit FalconEye. Der Hintergrund: Die irische Regierung verfolgt eine Politik, nach der keine in Israel hergestellte Ausrüstung beschafft werden soll. Das Elbit-System wurde deshalb nicht eingebaut. Das Flugzeug kann natürlich auch ohne FalconEye fliegen und landen. Es ist keineswegs „nicht flugfähig“. Aber es fehlt ihm ein zusätzliches System, das gerade bei schlechter Sicht einen technologischen Vorteil bieten kann.

Und damit bekommt der Boykott plötzlich ein sehr konkretes Gesicht. Irland hat nicht auf eine israelische Rakete verzichtet. Nicht auf eine Drohne. Nicht auf ein Waffensystem. Sondern auf ein ziviles Flugführungssystem, das Piloten bei schlechter Sicht zusätzliche Informationen liefern soll um die zivile Luftfahrt für Passagiere sicherer zu machen. Das ist der Punkt, an dem politische Symbolik auf technische Realität trifft.

Was bedeutet ein wirklicher Elbit-Boykott?

Das irische Beispiel führt zu einer unangenehmen Frage für alle, die einen umfassenden Boykott israelischer Unternehmen fordern: Wo soll man aufhören? Bei den militärischen Produkten? Bei den zivilen Produkten? Bei Tochtergesellschaften? Bei Komponenten? Bei internationalen Joint Ventures? Bei Lieferketten?

Genau hier zeigt sich die Absurdität eines pauschalen Boykotts.

Die moderne Technologieindustrie funktioniert nicht nach nationalen Schubladen. Ein israelisches Unternehmen kann in den USA produzieren. Ein amerikanisches Tochterunternehmen kann für einen europäischen oder amerikanischen Hersteller entwickeln. Die Technologie kann anschließend in ein Flugzeug eines französischen oder amerikanischen Konzerns integriert werden. Und dieses Flugzeug kann schließlich von einer Fluggesellschaft in Europa, Asien oder Amerika eingesetzt werden.

Wer „Elbit“ vollständig boykottieren will, müsste deshalb sehr viel mehr boykottieren als einen Messestand oder ein Bürogebäude.

Und trotzdem wächst Elbit

Hier schließt sich der Kreis zu den aktuellen Geschäftszahlen. Die Realität des Jahres 2026 sieht nämlich anders aus als die politische Boykottkampagne suggeriert. Elbit meldet $32 Milliarden Auftragsbestand – den höchsten Wert der Unternehmensgeschichte. Der Umsatz stieg im zweiten Quartal um rund 16% auf $2,3 Milliarden. Rund drei Viertel des Auftragsbestands stammen von internationalen Kunden.

Das Wachstum kommt ausdrücklich aus internationalen Märkten. Und Europa spielt dabei eine wichtige Rolle.

Das ist keine Kleinigkeit. Denn es bedeutet, dass Staaten und Unternehmen offenbar zwischen politischer Kritik an Israel und ihren eigenen technologischen beziehungsweise sicherheitspolitischen Interessen unterscheiden.

Das irische Beispiel macht deutlich, wohin eine solche Logik führen kann: Man verzichtet nicht nur auf militärische Technologie, sondern auch auf zivile Systeme, deren Funktion mit dem Nahostkonflikt überhaupt nichts zu tun hat. Ein medizinisches Diagnostiksystem weiß nicht, welche Nationalität sein Entwickler hat. Ein Head-up-Display im Cockpit ist nicht „politisch“. Und Nebel über Dublin ist ebenfalls nicht politisch.

Und wenn politische Ideologie dazu führt, dass man eine bewährte zivile Sicherheitstechnologie oder medizinische Ausrüstung allein wegen ihrer Herkunft nicht mehr einsetzen will, sollte man sich fragen, ob man gerade noch Politik macht – oder bereits einem Prinzip folgt, das mit sachlicher Technologie- und Sicherheitspolitik wenig zu tun hat.

Und währenddessen sprechen die Zahlen ihre eigene Sprache:

$32 Milliarden Auftragsbestand.

73% internationale Kunden.

$2,3 Milliarden Quartalsumsatz.

Die Welt boykottiert Elbit. Und die Welt kauft Elbit.

Und genau dieser Widerspruch verdient eine ernsthafte Diskussion.

https://www.jpost.com/defense-and-tech/article-905249