Es gibt Tage, an denen die Vereinten Nationen doch noch Erstaunliches leisten. Heute zum Beispiel haben sie sich einer Frage angenommen, die die Menschheit seit Jahrhunderten umtreibt: Ist Afrika auf unseren Weltkarten eigentlich groß genug?

Die Antwort lautet: Nein.

Jedenfalls nicht auf der guten alten Mercator-Karte. Dort sieht Grönland ungefähr so aus, als könne es mit Afrika mithalten. Tatsächlich ist Afrika rund 14-mal größer. Höchste Zeit also für eine geografische Richtigstellung. Die UN-Generalversammlung hat mit überwältigender Mehrheit dafür gestimmt, künftig eine flächentreuere Darstellung zu fördern. Ein großer Tag für die Kartografie. Und vermutlich auch ein kleiner Schock für all jene, die gerade zum ersten Mal feststellen, wie gewaltig Afrika tatsächlich ist.

Aber bei der Betrachtung der neuen Weltkarte lohnt es sich, ein wenig genauer hinzusehen.

Sehr genau.

Vielleicht besser eine Lupe holen.

Denn irgendwo zwischen dem riesigen Afrika, Europa, Asien und den anderen Kontinenten findet sich tatsächlich ein winziges Land.

Israel.

Man muss schon ein bisschen suchen. Und selbst dann gibt es ein Problem: Auf vielen Weltkarten ist Israel so klein, dass der vollständige Name überhaupt keinen Platz findet. Da steht dann nicht etwa „Israel“. Nein. Dafür reicht es nicht. Es muss schon die Kurzfassung sein:

„Isr.“

Drei Buchstaben. Das ist alles, was die Geografie diesem kleinen Land auf der Weltkarte zugesteht. Und trotzdem verfügt dieses winzige „Isr.“ über eine geradezu unglaubliche politische Sprengkraft. Denn kaum ein anderes Land dieser Größe schafft es, einen derart gigantischen Teil der weltpolitischen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Dieses kleine Land beschäftigt die Vereinten Nationen.

Es beschäftigt den Sicherheitsrat.

Es beschäftigt Parlamente.

Es beschäftigt Außenminister.

Es beschäftigt Demonstranten.

Es beschäftigt Universitäten.

Es beschäftigt Medien.

Und selbstverständlich beschäftigt es auch die sozialen Netzwerke – rund um die Uhr und zuverlässig in Dauerschleife.

Man könnte beinahe meinen, Israel sei territorial mindestens so groß wie Afrika. Ist es aber nicht. Nicht einmal annähernd. Und genau hier wird die neue Weltkarte plötzlich ausgesprochen amüsant. Denn wenn die Karte uns eines vor Augen führt, dann ist es die bemerkenswerte Diskrepanz zwischen geografischer Größe und politischer Bedeutung. Afrika ist riesig. Israel ist winzig. Afrika umfasst rund 30 Millionen Quadratkilometer. Israel bringt es auf gerade einmal rund 22.000 Quadratkilometer. Und trotzdem kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass in der internationalen Debatte gelegentlich das Verhältnis genau umgekehrt ist. Für manche scheint Israel auf der mentalen Weltkarte ungefähr die Größe eines Kontinents zu haben.

Vielleicht sollte die UN deshalb bei ihrem nächsten Kartenprojekt noch einen Schritt weitergehen. Eine Weltkarte der internationalen Aufmerksamkeit. Da könnte man Afrika dann vielleicht mit einer Lupe suchen. Und Israel müsste vermutlich auf mehrere Kontinente vergrößert werden.

Man könnte auch eine zweite Karte danebenlegen: die Karte der Konflikte, Kriege, Hungersnöte, Vertreibungen und Menschenrechtskatastrophen weltweit. Das wäre interessant. Denn dann würde man feststellen, dass es auf diesem Planeten durchaus noch andere Gegenden gibt, in denen Menschen leiden, sterben, vertrieben werden oder unter brutalen Regimen leben.

Aber die mediale und politische Fixierung auf Israel lässt manchmal vermuten, dass es nirgendwo uf der Welt Probleme oder Konflikte gäbe. Es gibt nur „Isr.“

Und das ist vielleicht der interessanteste Effekt dieser neuen Karte: Je kleiner Israel geografisch erscheint, desto größer wirkt die Obsession mit ihm.

Israel selbst hat sich diese Aufmerksamkeit übrigens nicht ausgesucht. Das ist der entscheidende Punkt. Es ist nicht Israel, das ständig dafür sorgt, dass sein Name auf den Titelseiten steht. Es sind andere, die das Land zum globalen Dauerthema machen. Ein Land, das auf der neuen, flächentreuen Weltkarte tatsächlich mit etwas Mühe zu finden ist, schafft es gleichzeitig, die internationale Politik in Atem zu halten und die Innenpolitik zahlreicher Länder zu beeinflussen.

Das ist, nüchtern betrachtet, eine bemerkenswerte Leistung.

Und wenn man danach fragt, warum ein Land, das auf der Karte kaum mehr als ein kleiner Fleck ist – und dessen Name dort häufig nicht einmal ausgeschrieben werden kann –, international so überproportional viel Aufmerksamkeit erhält, kommt man zu einer ziemlich unbequemen Frage: Liegt das wirklich an der Größe Israels – oder an der Größe der Besessenheit mit Israel?

Die neue Weltkarte gibt darauf zumindest einen hübschen visuellen Hinweis.

Man muss nur genau hinsehen.

Sehr genau.

Am besten mit einer guten Lupe.

Und wenn man dann tatsächlich „Israel“ gefunden hat, darf man sich ruhig fragen, wie es dieser winzige Karteneintrag geschafft hat, auf der politischen Weltkarte so gigantisch zu werden.