Manchmal könnte man angesichts mancher archäologischer Funde fast auf die Idee kommen, sich zu fragen: Gab es etwa schon vor 1.500 Jahren „zionistische Propaganda“? Haben jüdische Gemeinden in der Spätantike tatsächlich schon versucht, ihre historische Verbindung zu diesem Land zu „inszenieren“? Die Antwort ist natürlich: Nein. Aber die Steine selbst erzählen eine Geschichte, die älter ist als moderne politische Begriffe – und die sich nicht einfach wegdiskutieren lässt.
In Jericho, einer der ältesten Städte der Welt, befindet sich ein außergewöhnliches Zeugnis jüdischen Lebens aus der byzantinischen Zeit: ein rund 1.500 Jahre alter Mosaikfußboden einer Synagoge mit der hebräischen Inschrift „Shalom al Yisrael“ (שלום על ישראל) – „Frieden über Israel“.
Das Mosaik stammt aus etwa dem 6. Jahrhundert nach Christus und gehörte zu einer Synagoge, die während der byzantinischen Epoche errichtet wurde. Es zeigt typische jüdische Symbole dieser Zeit: eine siebenarmige Menora, einen Schofar (Widderhorn), einen Lulav (Palmzweig) sowie weitere religiöse Motive. Im Zentrum steht die hebräische Segensformel „Shalom al Yisrael“.
Israel – lange vor dem Staat Israel
Natürlich bezeichnet die Inschrift nicht den modernen Staat Israel, der erst 1948 gegründet wurde. Das wäre historisch unsinnig. Der Begriff „Israel“ hatte bereits seit Jahrtausenden eine religiöse und ethnische Bedeutung: Er bezeichnete das Volk Israel, die jüdische Gemeinschaft und die biblische Identität der Juden.
Gerade deshalb ist der Fund so bedeutend. Er zeigt, dass der Name „Israel“ und eine jüdische Selbstbezeichnung nicht erst im 20. Jahrhundert entstanden sind, sondern tief in der Geschichte dieser Region verwurzelt sind.
Archäologie ist keine politische Erklärung. Sie ist keine Frage von Sympathie oder Antipathie gegenüber heutigen Staaten oder Bewegungen. Sie dokumentiert menschliche Präsenz, Kultur und Erinnerung. Und im Fall des Jericho-Mosaiks dokumentiert sie eindeutig: In Jericho lebte vor 1.500 Jahren eine jüdische Gemeinschaft, die Synagogen baute, hebräische Inschriften verwendete und ihre religiöse Identität sichtbar hinterließ.
Jericho – eine Stadt vieler Geschichten
Jericho liegt heute im Westjordanland und steht unter Verwaltung der Palästinensischen Autonomiebehörde. Die jüdische Geschichte Jerichos reicht weit zurück. Neben der „Shalom al Yisrael“-Synagoge gibt es weitere archäologische Zeugnisse jüdischer Gemeinden in der Region, darunter die byzantinische Synagoge von Naaran mit einem weiteren bedeutenden Mosaikboden.
Diese Funde sind Teil einer komplexen Geschichte, in der unterschiedliche Völker, Religionen und Kulturen über Jahrtausende in dieser Region lebten. Geschichte gehört nicht nur denen, die heute politische Ansprüche daraus ableiten wollen – aber sie darf auch nicht geleugnet werden, wenn sie unbequem ist.
Steine widersprechen politischen Mythen
In aktuellen Debatten wird die Geschichte des Landes Israel und des jüdischen Volkes häufig politisch interpretiert oder vereinfacht dargestellt. Manche behaupten, die jüdische Verbindung zu dieser Region sei ausschließlich ein modernes politisches Projekt des Zionismus.
Ein 1.500 Jahre alter Mosaikboden aus Jericho erzählt aber eine andere Geschichte.
Er ist kein politisches Manifest. Er fordert keinen modernen Grenzverlauf und enthält keine Aussage zu heutigen Konflikten. Aber er erinnert daran, dass jüdische Geschichte in dieser Region nicht erst mit der Gründung des Staates Israel begann.
Manchmal sind es gerade die unscheinbaren Dinge – ein Steinboden, ein paar hebräische Worte, ein altes Symbol –, die uns daran erinnern, dass Geschichte älter ist als unsere aktuellen politischen Diskussionen.
Und vielleicht liegt genau darin die wichtigste Botschaft dieses Mosaiks: „Shalom al Yisrael“ – Frieden über Israel – war ein Wunsch jüdischer Menschen vor 1.500 Jahren.
Es bleibt ein Wunsch, der auch heute noch aktuell ist.