Was eine neue Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung über Israel, die arabische Welt und Deutschlands Rolle im Nahen Osten verrät
In Europa gehört die Zwei-Staaten-Lösung inzwischen beinahe zum politischen Glaubensbekenntnis. Kaum eine Rede über den Nahostkonflikt kommt ohne den Satz aus, eine Lösung könne letztlich nur in zwei Staaten bestehen: Israel und Palästina, Seite an Seite, in Frieden und Sicherheit.
Das klingt vernünftig. Es klingt moderat. Und es klingt vor allem nach dem, was Deutschland und Europa seit Jahrzehnten vertreten.
Doch eine aktuelle repräsentative Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung in sieben arabischen Gesellschaften zwingt dazu, genauer hinzusehen. Die Ergebnisse sind ernüchternd – und sie werfen auch eine unbequeme Frage auf: Ist die Zwei-Staaten-Lösung tatsächlich die politische Zielvorstellung der Menschen in der Region – oder ist sie inzwischen vor allem ein westliches politisches Mantra?
Die KAS befragte im Frühjahr und Sommer 2026 insgesamt 8.475 Menschen in Marokko, Tunesien, Ägypten, den Palästinensischen Gebieten, Jordanien, Libanon und Syrien. Das Ergebnis zeichnet ein Bild einer Region, die pragmatischer, sicherheitsorientierter und zugleich Israel gegenüber ausgesprochen kritisch ist.
Die bemerkenswerteste Zahl steht bei der Jugend
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Zwei-Staaten-Lösung. In den Palästinensischen Gebieten unterstützen sie insgesamt 52%. Das ist zwar noch eine knappe Mehrheit. Bei den unter 30-Jährigen aber sind es nur noch 34%. Bei den über 30-Jährigen sind es dagegen 62%.
Das ist keine Kleinigkeit.
Denn wenn eine politische Lösung ihre stärkste Unterstützung bei der älteren Generation besitzt und gleichzeitig bei denjenigen an Zustimmung verliert, die die Zukunft der Region bilden sollen, dann sollte die Politik nicht einfach so tun, als sei diese Lösung gesellschaftlich bereits beschlossen.
Noch bemerkenswerter: Auch in Tunesien, Marokko, Jordanien, Syrien, Libanon und Ägypten liegt die Unterstützung für die Zwei-Staaten-Lösung bei den unter 30-Jährigen niedriger als bei der Eltern- und Großelterngeneration.
Das bedeutet nicht, dass junge Araber automatisch gegen einen palästinensischen Staat oder für die Vernichtung Israels sind. Eine solche Schlussfolgerung wäre genauso falsch wie die gegenteilige Behauptung, die Zwei-Staaten-Lösung sei überall gesellschaftlicher Konsens.
Aber es bedeutet etwas anderes und vielleicht Wichtigeres: Der Westen sollte aufhören, seine eigene politische Wunschvorstellung mit der Realität der Region zu verwechseln.
Die Zwei-Staaten-Lösung ist kein Zauberwort
Deutschland unterstützt selbstverständlich eine friedliche Lösung des Konflikts. Auch wir als Deutsch-Israelische Gesellschaft Rhein-Neckar, Mannheim tun das.
Aber zwischen dem Ziel, dass Israelis und Palästinenser irgendwann in Frieden und Sicherheit nebeneinander und miteinander leben können, und der Behauptung, dass dafür zwingend nur die derzeit propagierte Zwei-Staaten-Lösung umgesetzt werden müsse, besteht ein Unterschied.
Ein Staat ist nicht allein dadurch lebensfähig, dass man ihn diplomatisch anerkennt.
Ein Staat braucht Institutionen, ein Gewaltmonopol, verantwortungsvolle politische Führung, funktionierende Sicherheitsstrukturen und vor allem eine politische Kultur, die das Existenzrecht des Nachbarn akzeptiert.
Genau hier liegt das Problem.
Die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte hat gezeigt, dass die entscheidende Frage nicht nur lautet: „Wie bekommen die Palästinenser einen Staat?“ Sie lautet auch: „Was für ein Staat soll dieser Staat sein – und wie steht er zu Israel?“
Nach dem 7. Oktober 2023 kann diese Frage nicht mehr als Nebensache behandelt werden.
Israel hat erlebt, dass territoriale Rückzüge nicht automatisch Frieden erzeugen. Israel zog sich 2005 vollständig aus dem Gazastreifen zurück. Was folgte, war keine friedliche Koexistenz, sondern die Machtübernahme der Hamas, Raketenbeschuss und schließlich der größte Massenterror gegen israelische Zivilisten seit der Staatsgründung.
Das bedeutet nicht, dass daraus folgt, dass ein palästinensischer Staat das selbe tun würde. Es bedeutet aber, dass Sicherheit keine Fußnote einer Zwei-Staaten-Lösung sein darf. Sie muss ihre Voraussetzung sein.
Und hier wird die KAS-Umfrage besonders interessant
Denn die Umfrage zeigt gleichzeitig etwas anderes: Die arabischen Gesellschaften denken keineswegs ausschließlich in ideologischen Kategorien. Die Autoren der Studie beschreiben einen ausgeprägten Pragmatismus. Außenpolitische Akteure werden vor allem danach beurteilt, welchen Nutzen oder Schaden sie für die eigenen Gesellschaften bringen. Wirtschaftliche Interessen spielen eine enorme Rolle. In allen sieben untersuchten Gesellschaften werden wirtschaftliches Wachstum oder Arbeitslosigkeit als zentrale Herausforderungen genannt.
Das sollte auch Deutschland aufmerksam lesen. Denn Deutschland besitzt in diesen Gesellschaften ein erstaunlich gutes Image. In Jordanien, Marokko, Tunesien und Syrien bewerten mindestens 66% der Befragten Deutschland positiv. In Syrien sind es sogar 73%, in Tunesien 70%.
Und jetzt kommt der vielleicht wichtigste Punkt für die deutsche Außenpolitik: Deutschland wird in der arabischen Welt nicht primär als Israels Verbündeter wahrgenommen.
Die Befragten schreiben der deutschen Politik vielmehr überwiegend wirtschaftliche oder allgemeine politische Interessen zu. „Beziehungen mit Israel“ werden nur von relativ kleinen Teilen der Befragten als Hauptmotivation deutscher Nahostpolitik genannt.
Das ist aus deutscher Sicht durchaus positiv.
Denn es bedeutet: Deutschland hat in der Region noch politischen Spielraum. Die Deutsche Staatsräson definiert die Wahrnehmung Deutschlands im Nahen Osten nicht exklusiv.
Gerade deshalb sollte Deutschland seine Israelpolitik selbstbewusst vertreten. Die deutsche Verantwortung gegenüber Israel ist historisch und moralisch einzigartig. Die Sicherheit Israels ist Teil deutscher Staatsräson.
Es bedeutet, Israels Existenzrecht, seine Sicherheit und sein Recht auf Selbstverteidigung als nicht verhandelbare Grundlagen deutscher Politik anzuerkennen.
Und genau diese Unterscheidung ist wichtig.
Man kann die Politik Benjamin Netanjahus kritisieren. Man kann Siedlungspolitik kritisieren. Man kann über die militärische Vorgehensweise Israels streiten. Und man kann eine künftige palästinensische Staatlichkeit befürworten.
Aber all das darf nicht in die Vorstellung übergehen, Israel müsse sich für seine Existenz und Sicherheit rechtfertigen, während die politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen auf der palästinensischen Seite als gegeben vorausgesetzt werden.
Eine unbequeme Erkenntnis: Israel wird als größte Gefahr wahrgenommen
Die KAS-Studie zeigt allerdings auch die enorme Schieflage der regionalen Wahrnehmung. In allen untersuchten Ländern außer Marokko wird Israel als größte Gefahr für die Region bezeichnet. Gleichzeitig wird der Iran zwar kritisch gesehen, aber nicht als Hauptaggressor wahrgenommen. Weniger als die Hälfte der Befragten hat ein positives Bild vom Iran.
Das ist bemerkenswert.
Denn aus israelischer Perspektive ist der Iran seit Jahren einer der zentralen Akteure, die offen gegen Israel arbeiten und ein regionales Netzwerk bewaffneter Stellvertreter aufgebaut haben.
Die Umfrage zeigt aber zugleich eine interessante Differenzierung: Iranische Angriffe auf Israel werden von den Befragten mehrheitlich unterstützt, während iranische Angriffe auf arabische Staaten deutlich abgelehnt werden. Auch das iranische Nuklearprogramm wird mit Sorge betrachtet.
Das zeigt: Anti-Israel-Haltung und Begeisterung für den Iran sind keineswegs dasselbe.
Und genau diese Differenzierung sollte auch in Deutschland stärker stattfinden. Der Westen sollte aufhören, für die Region zu denken, sondern auf die Region hören.
Vielleicht liegt hier die wichtigste Lehre der Studie.
Europa hat sich daran gewöhnt, den Nahostkonflikt in einem bestimmten politischen Vokabular zu beschreiben:
Besatzung.
Siedlungen.
Apartheid.
Zwei Staaten.
Palästinensischer Staat.
Während diese Begriffe natürlich reale Probleme beschreiben, entsteht daraus schnell eine gefährliche Verkürzung. Denn die zentrale Frage lautet nicht nur, welche Landkarte Europa für vernünftig hält.
Die entscheidende Frage lautet: Welche politische Ordnung kann tatsächlich dauerhaft funktionieren?
Und darauf gibt es heute keine einfache Antwort.
Die KAS selbst spricht von einer Region im Wandel, in der keine klare Vision für die zukünftige staatliche Ordnung und ihre Bündnisse erkennbar ist.
Das sollte uns vorsichtig machen.
Eine Lösung, die auf dem Papier wunderbar aussieht, kann in der Realität scheitern, wenn sie die Sicherheitsinteressen Israels ignoriert oder politische Kräfte stärkt, die den Konflikt nicht beenden, sondern fortsetzen wollen.
Deutschland sollte deshalb nicht weniger, sondern realistischer für Frieden eintreten
Eine pro-israelische deutsche Politik muss deshalb keineswegs gegen einen palästinensischen Staat gerichtet sein. Im Gegenteil. Deutschland kann einen zukünftigen palästinensischen Staat unterstützen – aber nur als Teil einer politischen Ordnung, in der Israel dauerhaft sicher existieren kann.
Dazu gehören klare Bedingungen:
Keine Hamas.
Keine bewaffneten Terrororganisationen.
Ein glaubwürdiges staatliches Gewaltmonopol.
Demokratische und rechenschaftspflichtige Institutionen.
Eine politische Führung, die Israels Existenzrecht akzeptiert.
Keine Finanzierung von Terror.
Keine Glorifizierung von Terroristen.
Und vor allem: Eine Generation, die nicht weiterhin in dem Glauben erzogen wird, dass der Konflikt erst dann beendet sei, wenn Israel verschwunden ist.
Die KAS-Umfrage enthält eine erfreuliche Nachricht für Deutschland: Deutschland genießt in weiten Teilen der arabischen Welt erhebliches Vertrauen. Gleichzeitig wird Deutschland nicht als bloßer israelischer Erfüllungsgehilfe wahrgenommen. Und vielleicht ist genau das die nüchterne, pro-israelische und zugleich zutiefst deutsche Schlussfolgerung aus dieser Umfrage.
Deutschland muss nicht weniger für Frieden im Nahen Osten eintreten.
Deutschland muss nur aufhören, Frieden mit einer vorbestimmten Landkarte zu verwechseln.