Manchmal lohnt es sich, hinter den Vorhang zu schauen.

Der am 7. August geschlossene Mekka-Pakt zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan ist auf den ersten Blick nur ein weiteres regionales Verteidigungsabkommen. Sein Kern ist jedoch bemerkenswert: Ein bewaffneter Angriff auf einen der drei Staaten soll als Angriff auf alle drei gelten. Noch ist daraus keine „islamische NATO“ geworden, aber der Pakt ist ein deutliches Signal dafür, dass regionale Mächte beginnen, ihre Sicherheit zunehmend selbst zu organisieren.

Und genau deshalb sollten wir genauer hinsehen.

Denn während sich die öffentliche Debatte in Europa weiterhin stark auf Gaza und den israelisch-palästinensischen Konflikt konzentriert, verändert sich die geopolitische Realität rund um uns in rasantem Tempo.

Saudi-Arabien sucht neue Sicherheitsgarantien. Die Türkei baut ihre regionale Machtposition aus. Pakistan bringt als Atommacht ein besonderes Gewicht in das neue Bündnis ein. Der Iran bleibt eine zentrale regionale Macht. Und gleichzeitig entstehen neue Kooperationen auf der anderen Seite: Israel vertieft seine strategische Zusammenarbeit mit Griechenland und Zypern, einschließlich gemeinsamer militärischer Planung und Übungen. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate sind durch die Abraham-Abkommen zu einem wichtigen Partner Israels geworden.

Selbst dort, wo die Beziehungen schwierig sind, entstehen neue Gesprächskanäle. Die Verhandlungen zwischen Israel und dem Libanon zeigen, dass auch zwischen ehemaligen Gegnern politische und sicherheitspolitische Interessen neu geordnet werden können.

Das bedeutet nicht, dass aus Gegnern plötzlich Freunde werden. Das Gegenteil ist wahrscheinlich, denn vielleicht gilt hier eher das alte Sprichwort: „Keep your friends close and your enemies closer.“

Die Abraham-Abkommen sind deshalb nicht nur ein Symbol für Annäherung. Sie sind auch ein Beispiel für Realpolitik: Staaten können gleichzeitig miteinander kooperieren, konkurrieren und einander misstrauen. Entscheidend ist, die tatsächlichen Interessen und Handlungen eines Partners zu beobachten – nicht nur seine öffentlichen Erklärungen.

Wer gestaltet die neue Realität?

Der Mekka-Pakt ist deshalb weniger wegen seiner heutigen militärischen Leistungsfähigkeit interessant als wegen dessen, was er über die Zukunft aussagt. Die alte amerikanisch geprägte Sicherheitsordnung im Nahen Osten ist nicht mehr selbstverständlich. Saudi-Arabien will sich nicht mehr allein auf Washington verlassen. Und auch Europa muss sich diese Frage stellen.

Die Vereinigten Staaten bleiben unser wichtigster transatlantischer Partner. Aber amerikanische und europäische Interessen sind nicht mehr unbedingt identisch. Unter Donald Trump verfolgt Washington seine eigenen wirtschaftlichen und außenpolitischen Prioritäten wesentlich offensiver. Das hat konkrete Folgen für Deutschland. Die amerikanische Zollpolitik belastet inzwischen nach Angaben des ifo-Instituts mehr als 60% der deutschen Industrieunternehmen; in der Automobilindustrie sind es sogar 74%. Unternehmen streichen oder verschieben Investitionen. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass die bestehenden US-Zölle das deutsche Bruttoinlandsprodukt bis Ende 2027 um etwa 0,2 bis 0,4% drücken könnten.

Das ist keine Kritik daran, dass eine amerikanische Regierung amerikanische Interessen verfolgt. Das ist ihr Recht. Es ist aber auch unser Recht, daraus Konsequenzen zu ziehen.

Eine Partnerschaft mit den USA darf nicht bedeuten, dass Europa seine eigenen Interessen aus den Augen verliert. Und Russland arbeitet bereits am nächsten Vorhang

Während wir über Zölle, Gaza und die Tagespolitik diskutieren, verändert Russland die europäische Sicherheitslage auf eine andere Weise.

Sabotage, Cyberangriffe, Desinformation, politische Einflussnahme, Spionage und Angriffe auf kritische Infrastruktur gehören inzwischen zum Instrumentarium russischer hybrider Kriegsführung. Der Congressional Research Service beschreibt eine seit 2022 zunehmende Kampagne russischer Aktivitäten in Europa. Deutschland und andere europäische Staaten registrieren zugleich immer mehr Versuche, demokratische Gesellschaften zu destabilisieren und politische Gräben zu vertiefen.

Das Entscheidende daran ist: Russland muss Europa nicht militärisch besiegen, um einen Erfolg zu erzielen. Es reicht, wenn wir beginnen, an unserer eigenen Handlungsfähigkeit zu unterbinden. Wenn wir unsere Infrastruktur nicht ausreichend schützen. Wenn wir Desinformation nicht erkennen. Wenn wir politische Einflussnahme unterschätzen. Wenn wir unsere Verteidigungsfähigkeit als unnötige Provokation betrachten. Oder wenn wir glauben, Frieden entstehe allein dadurch, dass man sich weigert, über die Möglichkeit eines Konflikts nachzudenken. Sicherheit entsteht nicht dadurch, dass man Bedrohungen nicht sehen möchte.

Israel hat gelernt, was Europa erst lernen muss

Hier liegt eine der wichtigsten Lehren aus der israelischen Erfahrung. Israel musste über Jahrzehnte Technologien und Strategien entwickeln, weil Raketen, Drohnen, Terrorismus, Cyberangriffe und der Schutz kritischer Infrastruktur keine theoretischen Szenarien waren. Systeme zur Luft- und Raketenabwehr, Drohnenabwehr, Cybersecurity und Nachrichtengewinnung sind deshalb nicht nur israelische Speziallösungen. Sie werden in einer Welt relevant, in der auch Europa mit Raketen, Drohnen und hybriden Angriffen rechnen muss.

Die Entscheidung, israelische Unternehmen wie Rafael und Elbit stärker nach Deutschland zu holen, ist deshalb richtig und notwendig. Sie ist nicht Ausdruck einer Militarisierung um ihrer selbst willen, sondern einer vernünftigen Erkenntnis: Wer Frieden bewahren will, muss in der Lage sein, ihn zu verteidigen.

Die geplante Einbindung von Rafael in den Standort Osnabrück zeigt beispielhaft, wie Sicherheits- und Industriepolitik zusammenfinden können. Deutschland gewinnt technologische Kompetenz und industrielle Kapazitäten; Israel gewinnt einen europäischen Produktions- und Kooperationspartner. Das sollte nicht die Ausnahme bleiben.

Willkommen in Emerald City

Vielleicht ist das größte Problem Europas, dass wir uns ein wenig wie die Bewohner von „Emerald City“ im „Zauberer von Oz“ verhalten. Wir schauen auf das große Spektakel vor dem Vorhang: Gaza, Israel, die täglichen politischen Auseinandersetzungen, die immer gleichen Schlagzeilen.

Währenddessen arbeiten andere Staaten längst daran, die Welt hinter diesem Vorhang neu zu ordnen.

Saudi-Arabien baut neue Sicherheitsbeziehungen auf. Die Türkei erweitert ihren Einfluss. Iran verfolgt seine regionalen Interessen. Russland führt hybride Kriegsführung gegen europäische Gesellschaften. China baut wirtschaftliche und strategische Abhängigkeiten aus. Die USA verfolgen unter Trump zunehmend ihre eigenen wirtschaftlichen und geopolitischen Prioritäten.

Und Europa?

Europa muss endlich entscheiden, welche Interessen es selbst verteidigen will. Es darf nicht jeden Staat danach beurteilen, was er über Frieden, Demokratie oder Partnerschaft sagt. Wir müssen auch darauf schauen, was er tatsächlich tut. Wir müssen hinter den Vorhang schauen und uns fragen, welche Technologien, Fähigkeiten und Partnerschaften brauchen wir selber, um selbst handlungsfähig zu bleiben?

Das bedeutet nicht, dass Europa sich abschotten oder in einen neuen Blockkonflikt stürzen sollte. Im Gegenteil: Es bedeutet, Partnerschaften klüger und strategischer zu gestalten – mit den USA, aber auch mit Israel, Indien, Griechenland, Zypern und den pragmatischen arabischen Partnern, die ihre eigenen Interessen mit unseren verbinden können.

Wir sollten nicht kriegerischer werden. Wir sollten wehrhafter werden. Denn Wehrhaftigkeit ist nicht das Gegenteil von Frieden. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass Frieden nicht vom guten Willen anderer abhängt.

„Achte nicht auf den Mann hinter dem Vorhang“ – im „Zauberer von Oz“ war es der Versuch, die Illusion aufrechtzuerhalten.

Für Europa sollte es eine Warnung sein. Die Welt hinter dem Vorhang verändert sich bereits. Deutschland und Europa dürfen nicht wie Schlafwandler in diese neue Realität hineinstolpern.

Medienquelle:

https://www.zdfheute.de/politik/ausland/mekka-abkommen-tuerkei-saudi-arabien-pakistan-100.html