Seit dem Massaker vom 7. Oktober 2023 verbreitet sich in Teilen der Öffentlichkeit eine Behauptung, die einer der schwerwiegendsten Formen der Täter-Opfer-Umkehr entspricht: Israel habe angeblich unter der sogenannten „Hannibal-Direktive“ die eigene Bevölkerung getötet. Diese Darstellung ignoriert jedoch die Faktenlage, verdreht militärische Abläufe und macht aus tragischen Einzelfällen eine Verschwörungserzählung.
Unbestritten ist: Am 7. Oktober kam es zu einem beispiellosen Angriff durch Hamas und verbündete Terrorgruppen, bei dem rund 1.200 Menschen ermordet und mehr als 250 Menschen als Geiseln nach Gaza verschleppt wurden. Die Verantwortung für diesen Angriff liegt bei denjenigen, die ihn geplant und ausgeführt haben.
Was war die Hannibal-Direktive?
Die sogenannte „Hannibal-Direktive“ war eine israelische Militärregelung, die in den 1980er-Jahren entwickelt wurde. Ihr Hintergrund waren mehrere Fälle, in denen israelische Soldaten von Terrororganisationen entführt und anschließend gegen eine große Zahl -manchmal mehrere Tausend – gefangener Terroristen ausgetauscht wurden.
Ziel der Direktive war es, eine erfolgreiche Verschleppung israelischer Soldaten zu verhindern. Die Überlegung dahinter war: Eine Situation, in der ein Soldat als Geisel in den Händen einer Terrororganisation ist, kann langfristig enorme Gefahren für Israel und weitere Menschenleben bedeuten.
Die Direktive war jedoch immer umstritten, weil sie eine schwierige ethische und militärische Abwägung berührte: Wie weit darf ein Militär gehen, um eine Entführung zu verhindern? Sie bedeutete nicht, dass israelische Soldaten oder Zivilisten gezielt getötet werden dürfen.
Nach Kritik und internen Diskussionen wurde die ursprüngliche Hannibal-Direktive 2016 offiziell aufgehoben.
Die falsche Schlussfolgerung: Aus einer Einsatzregel wird eine Verschwörung
Nach dem 7. Oktober wurde der Begriff „Hannibal-Direktive“ zunehmend verwendet, um eine völlig andere Behauptung zu verbreiten: Israel habe bewusst die eigenen Bürger getötet.
Diese Schlussfolgerung ist jedoch nicht durch Beweise gedeckt.
In einem Krieg und insbesondere in einer chaotischen Gefechtslage können tragische Fehler passieren. Wenn Streitkräfte versuchen, Terroristen aufzuhalten, die Geiseln verschleppen, können Menschen verletzt oder getötet werden, die eigentlich gerettet werden sollen. Solche Fälle müssen untersucht werden – wie es in Israel auch geschieht.
Aber zwischen zwei Aussagen besteht ein entscheidender Unterschied:
Ja: Es ist möglich und wird untersucht, dass israelisches Feuer in einzelnen Situationen zum Tod eigener Bürger oder Geiseln beigetragen haben könnte. Zu sogenannten „friedly fire“ oder „Kolateralschäden“ Vorfällen
Nein: Es gibt keine Belege dafür, dass Israel systematisch die eigene Bevölkerung getötet oder das Hamas-Massaker selbst verursacht hätte.
Die überwiegende Mehrheit der Opfer des 7. Oktober wurde von Hamas-Terroristen und ihren Verbündeten ermordet. Das zeigen Zeugenaussagen, Videoaufnahmen der Täter selbst, forensische Untersuchungen und die dokumentierten Abläufe des Tages.
Das Nova-Festival: Ein besonders häufig verbreiteter Mythos
Ein zentrales Element dieser Verschwörungserzählung ist das Nova-Musikfestival bei Re’im. Immer wieder wird behauptet, israelische Apache-Kampfhubschrauber hätten das Festival oder fliehende Besucher beschossen und seien für einen großen Teil der Toten verantwortlich.
Auch diese Behauptung widerspricht der bekannten Chronologie.
Der Angriff begann am Morgen des 7. Oktober mit massivem Raketenbeschuss aus Gaza. Kurz darauf erreichten Hamas-Terroristen das Festivalgelände. Sie eröffneten von Motorrädern aus das Feuer auf junge Menschen, die zu fliehen versuchten, versteckten sich unter Fahrzeugen oder suchten Schutz in der Umgebung. Zahlreiche Aufnahmen der Terroristen selbst dokumentieren diese Angriffe.
Die israelischen Kampfhubschrauber befanden sich zu diesem Zeitpunkt nicht über dem Festival.
Die für den Süden Israels zuständigen Apache-Hubschrauber waren unter anderem auf dem Luftwaffenstützpunkt Hatzerim westlich von Be’er Scheva stationiert. Der Stützpunkt liegt etwa 30 Kilometer Luftlinie vom Nova-Festival bei Re’im entfernt. Zwar kann ein Apache diese Strecke grundsätzlich in wenigen Minuten zurücklegen, doch zwischen einer Alarmierung und einem tatsächlichen Einsatz liegen weitere Schritte: Startvorbereitung, Bewaffnung, Start, Anflug und die Gewinnung eines Lagebildes.
Als israelische Luftunterstützung schließlich im Kampfgebiet eingesetzt wurde, war das Massaker auf dem Festival bereits im Gange.
Die Behauptung, israelische Hubschrauber hätten das Massaker ausgelöst, verwechselt daher Ursache und Wirkung: Die Terroristen waren bereits auf dem Gelände, hatten bereits Menschen ermordet und Geiseln genommen, bevor israelische Luftkräfte eingreifen konnten.
„Wo bleibt das Militär?“ – Die eigentliche Tragödie des 7. Oktober
Die zahlreichen Videoaufnahmen vom Nova-Festival zeigen vor allem eines: Über Stunden fehlte eine ausreichende israelische Sicherheitspräsenz vor Ort.
Die Aufnahmen stammen sowohl von Hamas-Terroristen als auch von israelischen Überlebenden. Sie zeigen, wie Terroristen ungehindert auf das Gelände eindringen konnten und Besucher verzweifelt versuchten, sich zu verstecken oder zu fliehen.
Besonders erschütternd sind die Notrufe und Nachrichten der Opfer. Viele Menschen meldeten über Stunden die Angriffe und flehten um Hilfe. Immer wieder tauchte dieselbe verzweifelte Frage auf:
„Wo bleibt das Militär?“
Die zentrale Tragödie des Tages war nicht, dass israelische Streitkräfte die Bevölkerung angegriffen hätten. Die Tragödie war, dass der Staat Israel seine Bürger in den ersten Stunden des Angriffs nicht schnell genug schützen konnte.
Das Versagen der israelischen Sicherheits- und Geheimdienststrukturen vor dem 7. Oktober ist Gegenstand intensiver Untersuchungen in Israel. Dieses Versagen darf und muss aufgearbeitet werden. Es ist jedoch etwas völlig anderes als die Behauptung, Israel habe absichtlich die eigenen Bürger getötet.
Gibt es ähnliche Prinzipien in anderen Armeen?
Die grundlegende militärische Problematik, die hinter der Hannibal-Direktive stand, ist nicht einzigartig israelisch.
Viele Armeen weltweit kennen Situationen, in denen die Verhinderung einer Gefangennahme, die Rettung von Geiseln oder die Bekämpfung eines strategisch wichtigen Ziels mit extrem schwierigen Entscheidungen verbunden ist.
Bei Geiselbefreiungen durch Spezialkräfte in den USA, Großbritannien, Frankreich oder anderen NATO-Staaten besteht immer das Risiko, dass Geiseln trotz eines Rettungsversuchs verletzt oder getötet werden.
Auch moderne Streitkräfte müssen ständig zwischen verschiedenen Gefahren abwägen:
- dem Schutz eigener Soldaten,
- der Rettung von Geiseln,
- der Verhinderung weiterer Anschläge,
- und der Minimierung ziviler Opfer.-
Das bedeutet nicht, dass Armeen ihre eigenen Bürger töten wollen. Es bedeutet, dass Kriegssituationen tragische Entscheidungen erzwingen können.
Kritik ist notwendig – Verschwörungserzählungen sind es nicht
Der 7. Oktober war ein Massaker, das von Hamas geplant und ausgeführt wurde. Israelische Sicherheitsfehler müssen untersucht werden, und mögliche Fälle von Eigenbeschuss müssen transparent aufgearbeitet werden.
Aber aus einzelnen tragischen Ereignissen eine Erzählung zu konstruieren, Israel habe die eigene Bevölkerung absichtlich getötet, ist keine sachliche Kritik. Es ist eine Verschwörungserzählung, die die Verantwortung der Täter verschiebt und die Opfer des Hamas-Terrors erneut instrumentalisiert.