Sie liegt in einer Tiefe von 503 Metern.
Nun ist die „Altalena“ 78 Jahre nach ihrer Versenkung vor der israelischen Küste auf dem Grund des Mittelmeeres entdeckt worden. Das von Amichay Eliyahu geleitete Ministerium für Kulturerbe hat eine Million Schekel in die Bemühungen zur Bergung des Frachtschiffes investiert. Es liegt rund 20 Kilometer vor der israelischen Küste und soll weitgehend intakt sein. Die Suche erfolgte mit einem spezialisierten Forschungsschiff, modernen Sensoren sowie hochentwickelten Vermessungs- und Kartierungssystemen.
Damit ist ein materielles Zeugnis eines der schmerzhaftesten Kapitel der israelischen Staatsgründung wieder aufgetaucht.
Ein Schiff voller Waffen – und voller Hoffnung
Die „Altalena“ war 1948 von der zionistischen Untergrundorganisation Irgun (Etzel) nach Israel geschickt worden. An Bord befanden sich jüdische Einwanderer und Irgun-Mitglieder sowie große Mengen an Waffen und militärischer Ausrüstung für den gerade begonnenen Unabhängigkeitskrieg. Der Name des Schiffes war eine Anspielung auf den Schriftstellernamen von Ze’ev Jabotinsky, dem Begründer des revisionistischen Zionismus und geistigen Wegbereiter der politischen Bewegung, aus der später Menachem Begins Herut-Partei und schließlich der Likud hervorgingen.
Doch als das Schiff im Juni 1948 vor der israelischen Küste eintraf, war die politische Situation eine andere als bei ihrer Abfahrt. Denn am 14. Mai 1948 hatte David Ben-Gurion den Staat Israel ausgerufen. Nun musste aus mehreren jüdischen Untergrundorganisationen eine einheitliche staatliche Armee entstehen.
Eine Armee oder mehrere?
Vor der Staatsgründung hatten verschiedene jüdische Organisationen eigene bewaffnete Einheiten unterhalten. Die größte war die Haganah; daneben existierten unter anderem der Palmach und die Irgun. Mit der Staatsgründung sollte damit Schluss sein. Die neue Regierung unter David Ben-Gurion bestand darauf, dass Waffen künftig der Israel Defense Forces (IDF) unterstanden. Die Irgun war grundsätzlich bereit, sich in die neue Armee einzugliedern. Doch bei der „Altalena“ entstand ein Streit über die Verteilung ihrer Waffen.
Menachem Begin verlangte, einen Teil der Waffen – nach Darstellung der Knesset etwa 20% – den Irgun-Einheiten zu überlassen, die weiterhin in Jerusalem kämpften. Die Regierung verlangte dagegen, dass die Waffen vollständig der IDF übergeben würden. Hinter diesem Streit stand die fundamentale Frage: Wer besitzt im neuen Staat Israel das Gewaltmonopol? Für Ben-Gurion war die Antwort eindeutig: nur der Staat.
Kfar Vitkin: Juden gegen Juden
Am 20. Juni 1948 ging die „Altalena“ bei Kfar Vitkin nördlich von Tel Aviv vor Anker. Waffen und Ausrüstung wurden entladen. Die neue israelische Regierung verlangte deren Übergabe an die IDF. Die Situation eskalierte, und am 21. Juni kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Irgun und IDF. Sechs Irgun-Mitglieder und zwei IDF-Soldaten starben. Begin begab sich anschließend an Bord der „Altalena“, die Richtung Tel Aviv weiterfuhr.
Was nun folgte, wurde zum traumatischsten Moment der gesamten Affäre.
22. Juni 1948: Die Altalena brennt
Vor Tel Aviv versuchten die israelischen Streitkräfte, die Kontrolle über das Schiff zu erlangen. Es kam erneut zu Schusswechseln. Schließlich wurde die „Altalena“ von der IDF beschossen. Ein Geschoss setzte das Schiff in Brand. Die Bilder des brennenden Schiffes vor der Küste Tel Avivs gingen in die Geschichte Israels ein. Insgesamt wurden 16 Irgun-Mitglieder und drei IDF-Soldaten bei den Kämpfen getötet.
Besonders bedeutsam war die Reaktion Menachem Begins. Er rief seine Anhänger dazu auf, nicht auf die IDF zurückzuschießen. Er wusste, dass ein Gegenschlag den jungen Staat in einen Bürgerkrieg zwischen jüdischen Fraktionen hätte stürzen können. Die Irgun legte schließlich die Waffen nieder.
Damit war die unmittelbare Gefahr eines innerjüdischen Bürgerkriegs gebannt.
Ein Staat, eine Armee
Die „Altalena“-Affäre hatte eine enorme politische Bedeutung. Sie machte deutlich, dass die Gründung Israels nicht nur ein Krieg gegen die arabischen Armeen war. Gleichzeitig musste innerhalb der jüdischen Gesellschaft entschieden werden, wie dieser neue Staat funktionieren sollte.
Ben-Gurion setzte sich mit seinem Prinzip durch: Es sollte keine konkurrierenden bewaffneten Organisationen geben, die neben dem Staat eigene militärische Entscheidungen treffen konnten. Die Irgun wurde schließlich vollständig in die IDF integriert.
Für die Anhänger Begins war die „Altalena“ ein Symbol für das harte Vorgehen Ben-Gurions gegen politische Rivalen. Aus der Perspektive Ben-Gurions und seiner Anhänger ging es dagegen um die Existenzfähigkeit des neuen Staates und darum, eine Aufteilung Israels in rivalisierende bewaffnete Lager zu verhindern.
Beide Perspektiven gehören zur Geschichte Israels.
Die politische Ironie der Geschichte
Besonders bemerkenswert ist, was danach geschah. Menachem Begin, dessen Anhänger auf der „Altalena“ ums Leben gekommen waren, entschied sich gegen Vergeltung und gegen einen Bürgerkrieg. Noch im selben Sommer gründete er die Partei „Herut“, die 1949 mit 14 Abgeordneten in die erste Knesset einzog. Fast drei Jahrzehnte später wurde Menahem Begin Premierminister des Staates Israel. Damit wurde aus dem Mann, dessen Organisation 1948 von der staatlichen Armee beschossen worden war, einer der demokratisch gewählten Regierungschefs eben dieses Staates.
Die „Altalena“ wurde damit zu einem Teil einer bemerkenswerten Geschichte demokratischer Machtübergabe: Der politische Gegner von gestern wurde zum Regierungschef von morgen – ohne dass Israel zwischenzeitlich in einen Bürgerkrieg zerfiel.
78 Jahre auf dem Meeresgrund
Nach dem Beschuss blieb das schwer beschädigte Schiff zunächst vor Tel Aviv liegen. 1949 wurde es schließlich hinausgeschleppt und versenkt.
Nun wurde es am 24. August 2026 in 503 Metern Tiefe wiedergefunden. Die israelischen Behörden bezeichnen die Entdeckung als bedeutenden Moment für die nationale Erinnerung. Nach Angaben der IDF war die Armee nicht an der Suche beteiligt. Die aktuelle Suche wurde von zivilen beziehungsweise staatlichen Vermessungs- und Forschungseinrichtungen durchgeführt.
Das Wrack ist damit mehr als ein archäologischer Fund.
Es ist ein Symbol für einen Moment, in dem der junge Staat Israel vor einer existenziellen inneren Entscheidung stand.
Eine historische Warnung
Die Geschichte der „Altalena“ erinnert daran, wie zerbrechlich Staaten in ihrer Gründungsphase sind. Israel kämpfte 1948 gleichzeitig um sein Überleben gegen äußere Feinde und um seine politische Einheit im Inneren.
Der Konflikt um das Schiff zeigt dabei ein grundlegendes Dilemma: Ein demokratischer Staat kann nur funktionieren, wenn politische Gruppen ihre Konflikte letztlich innerhalb gemeinsamer staatlicher Institutionen austragen – und nicht mit eigenen Armeen. Dass Menachem Begin trotz des Todes seiner Anhänger keine Vergeltung anordnete, war deshalb ebenso bedeutsam wie Ben-Gurions Beharren auf dem staatlichen Gewaltmonopol.
Heute, 78 Jahre später, liegt die „Altalena“ wieder sichtbar im historischen Bewusstsein Israels. Ihr Wrack erzählt von einer schmerzhaften Wahrheit: Der Staat Israel wurde nicht nur gegen seine äußeren Feinde erkämpft. Er musste auch lernen, sich selbst als Staat zu organisieren.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft, die von der heutigen Entdeckung ausgeht: Meinungsverschiedenheiten, selbst tiefste politische Gegensätze, gehören zu einer Demokratie.
Ein Bürgerkrieg darf daraus niemals werden.