Der Krieg im Gazastreifen wird nicht nur über der Erde geführt. Seit Jahren existiert unter dem dicht besiedelten Küstenstreifen ein weit verzweigtes unterirdisches Netzwerk, das von der Hamas aufgebaut und für militärische Zwecke genutzt wird. Diese sogenannte „Gaza-Metro“ besteht aus Tunneln, Kommandozentralen, Waffenlagern, Kommunikationsräumen und Rückzugsorten für Hamas-Kämpfer.
Auch fast drei Jahre nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 arbeitet die Israelische Verteidigungsarmee (IDF) kontinuierlich daran, diese militärische Infrastruktur aufzuspüren, zu kartieren und zu zerstören.
Aktuell hat die israelische Spezial-Pioniereinheit „Yahalom“ erneut einen Tunnelabschnitt im Norden des Gazastreifens lokalisiert, detailliert untersucht und anschließend zerstört. Drohnenaufnahmen der IDF zeigen die präzise Erkundung der unterirdischen Anlage vor ihrer Beseitigung.
Die Zerstörung dieser Tunnel ist für Israel ein zentraler Bestandteil der militärischen Strategie. Solange die Hamas über unterirdische Rückzugs- und Angriffssysteme verfügt, bleibt diese Infrastruktur eine direkte Bedrohung für Israel.
Ein bekanntes System – lange vor dem 7. Oktober dokumentiert
Das Hamas-Tunnelsystem wurde nicht erst nach Beginn des aktuellen Krieges bekannt. Bereits Jahre vor dem Terrorangriff vom 7. Oktober berichteten internationale Medien wie CNN und die BBC News ausführlich über die unterirdische Infrastruktur der Hamas. Dabei wurde deutlich, dass es sich nicht um einfache Schmuggelgänge handelte, sondern um ein komplexes militärisches System.
Die Größe des Netzwerks lässt sich bis heute nicht vollständig unabhängig vermessen. Die Hamas selbst sprach vor dem Krieg von über 500 Kilometern Tunnelstrecke. Fest steht jedoch: Es handelte sich um eine über Jahre aufgebaute militärische Infrastruktur von außergewöhnlichem Umfang.
Eine unterirdische Stadt für den Krieg
Die von der Hamas errichteten Tunnel waren technisch aufwendig gestaltet. Viele Anlagen verfügten über Stromversorgung, Belüftung, Kommunikationsmöglichkeiten und befestigte Räume für längere Aufenthalte. Einige Tunnel waren so groß dimensioniert, dass sich bewaffnete Gruppen und teilweise auch Fahrzeuge darin bewegen konnten.
Der Bau dieses Systems erforderte enorme Mengen an Beton, Stahl und anderen Baumaterialien. Israel kritisierte wiederholt, dass Materialien, die für zivile Projekte in den Gazastreifen gelangten, teilweise für den Bau militärischer Tunnel zweckentfremdet wurden. Während dringend benötigte zivile Infrastruktur im Gazastreifen unzureichend blieb, investierte die Hamas über Jahre erhebliche Ressourcen in den Ausbau ihrer militärischen Unterwelt.
Schutz für Hamas-Kämpfer – aber nicht für die eigene Bevölkerung
Eine der schwerwiegendsten Fragen dieses Krieges betrifft die Nutzung dieser Tunnel während der israelischen Militäroperationen.
Die Tunnel boten Hamas-Kämpfern Schutz vor israelischen Angriffen. Unter der Erde konnten sich bewaffnete Einheiten zurückziehen, Waffen lagern, Operationen koordinieren, israelische Geiseln festhalten und sich vor israelischen Angriffen schützen. Das Tunnelsystem war damit ein militärischer Vorteil für die Hamas.
Doch derselbe Schutz wurde der palästinensischen Zivilbevölkerung nicht zugänglich gemacht.
Während Hamas-Kämpfer in unterirdischen Anlagen Schutz suchen konnten, blieben palästinensische Familien – insbesondere Kinder – den Gefahren des Krieges an der Oberfläche ausgesetzt. Die Tunnel wurden nicht zu öffentlichen Schutzräumen erklärt und nicht für die zivile Bevölkerung geöffnet. Sie blieben unter Kontrolle der Hamas und wurden weiterhin für militärische Zwecke genutzt.
Gerade hier liegt eine der größten moralischen Fragen dieses Krieges: Eine Organisation, die über ein umfangreiches unterirdisches Schutzsystem verfügt, nutzte dieses vor allem zum Schutz ihrer eigenen Kämpfer – nicht zum Schutz der Menschen, für die sie nach eigener Darstellung kämpft.
Die Verantwortung für die Tragödie der Zivilbevölkerung
Jeder Krieg fordert zivile Opfer. Besonders tragisch ist die Situation für Kinder und Familien im Gazastreifen, die unter den Folgen des Krieges leiden. Doch die Frage nach der Verantwortung für diese Opfer darf nicht ausschließlich anhand der letzten militärischen Handlung betrachtet werden.
Die Hamas entschied sich über Jahre dafür, ihre militärische Infrastruktur mitten in dicht besiedelten Gebieten aufzubauen. Sie errichtete Tunnel unter und neben ziviler Infrastruktur und nutzte die Bevölkerung als Teil eines asymmetrischen Kriegsszenarios. Gleichzeitig verfügte sie über unterirdische Anlagen, die ihren eigenen Kämpfern Schutz boten, während die Zivilbevölkerung – besonders Kinder – keinen Zugang erhielt.
Daraus ergibt sich eine zentrale Frage: Wer trägt Verantwortung dafür, dass die Bevölkerung des Gazastreifens während dieses Krieges keinen Schutz in einem hunderte Kilometer umfassenden Tunnelsystem finden konnte? Israel, das diese militärischen Anlagen als Teil seiner Verteidigung gegen eine Terrororganisation bekämpft? Oder die Hamas, die diese Infrastruktur für den Krieg aufbaute und den Schutz vor Angriffen vor allem ihren eigenen Kämpfern und nicht den Frauen und Kindern vorbehielt?
Die Zerstörung der Tunnel bleibt ein entscheidender Teil der israelischen Sicherheitsstrategie
Für die IDF bleibt die Ausschaltung des Hamas-Tunnelsystems eine der schwierigsten Aufgaben dieses Krieges. Jeder zerstörte Tunnel bedeutet die Beseitigung einer militärischen Fähigkeit der Hamas: weniger Rückzugsräume, weniger Waffenlager, weniger Möglichkeiten für Angriffe auf Israel.
Die fortgesetzten Einsätze der israelischen Spezialkräfte zeigen, dass der unterirdische Krieg noch lange nicht beendet ist. Die „Gaza-Metro“ ist nicht nur ein Symbol für die militärische Strategie der Hamas, sondern auch für ein bitteres Versagen gegenüber der eigenen Bevölkerung: Eine Organisation investierte enorme Mittel in unterirdische Anlagen für den Krieg – aber nicht in Schutzräume für die Kinder und Familien des Gazastreifens.