Der Tod der fünfjährigen Hind Rajab gehört zu den erschütterndsten Einzelfällen des Gaza-Krieges. Gerade deshalb sollte er nicht politisch instrumentalisiert, sondern militärisch und völkerrechtlich präzise analysiert werden. Das israelische Militär nimmt nun die Untersuchungen auf.

Eine wichtige Quelle sind dabei auch die Untersuchungen von Forensic Architecture. Die Forschungsgruppe hat anhand von Satellitenbildern, Geolokalisierung, 3D-Modellen, Zeugenaussagen, Audioaufnahmen und der Analyse der Einschusslöcher versucht, den Ablauf des Geschehens zu rekonstruieren. Ihre Ergebnisse sind ernst zu nehmen. Sie müssen allerdings von den Schlussfolgerungen getrennt werden, die daraus gezogen werden.

Denn eine forensische Rekonstruktion kann zwar sehr genau feststellen, wo sich ein Fahrzeug befand, aus welcher Richtung Schüsse kamen und welche Waffen wahrscheinlich eingesetzt wurden. Sie kann aber nicht ohne Weiteres feststellen, was ein einzelner Soldat in diesem Moment tatsächlich wahrgenommen, gewusst oder beabsichtigt hat. Und wie die militärische Gefahreneinschätzung war.

Genau diese Unterscheidung ist für die militärische und völkerrechtliche Bewertung entscheidend.

Zuerst einmal – Der Blick aus dem Merkava

Ein wesentlicher Punkt wird in der öffentlichen Diskussion häufig übersehen: Ein Richtschütze in einem modernen Kampfpanzer schaut nicht einfach aus einem großen Sichtfenster und sieht die Umgebung so, wie ein außenstehender Beobachter. Beim Merkava Mk.4 erfolgt die Zielbeobachtung über ein stabilisiertes elektro-optisches Richtschützenvisier mit Tageslicht-/TV- und Wärmebildkanal sowie integriertem Laserentfernungsmesser. Der Richtschütze erhält also ein elektronisch erzeugtes Sensorbild. Dazu kommen Fadenkreuz, Entfernung und weitere Informationen des Feuerleitsystems. Das Visier ist stabilisiert und kann Ziele auch während der Fahrt verfolgen. Der Kommandant verfügt zusätzlich über ein unabhängiges, stabilisiertes Panoramavisier und kann Ziele beobachten und dem Richtschützen zuweisen.

Das ist für die Bewertung des Hind-Rajab-Falles wichtig. Ein modernes Wärmebildvisier kann ein Fahrzeug auch bei schwierigen Lichtverhältnissen sehr deutlich erfassen. Ein Kia in einer Entfernung von etwa 15 bis 20 Metern wäre im Sensorbild grundsätzlich ein deutliches Objekt.

Damit lässt sich allerdings noch nicht die entscheidende Frage beantworten.

Denn zwischen „Der Richtschütze konnte das Fahrzeug sehen“ und „Der Richtschütze konnte zweifelsfrei erkennen, dass sich darin Zivilisten mit Kindern befanden und dass von dem Fahrzeug keine Gefahr ausging“ liegt ein erheblicher Unterschied.

Ein Wärmebild macht Temperaturunterschiede sichtbar. Es kann Personen und Fahrzeuge sehr deutlich hervorheben. Es liefert aber nicht automatisch die Information, dass es sich um fünf Zivilisten, darunter Kinder, handelt und dieses Fahrzeug keine Bedrohung darstellt.

Gerade im urbanen Gefecht können Sichtwinkel, Scheiben, Fahrzeugteile, Bewegungen, Rauch, Staub, Gebäudestrukturen und die kurze Reaktionszeit eine Rolle spielen. Außerdem ist entscheidend, welcher Sensorkanal gerade verwendet wurde, welche Vergrößerung eingestellt war und ob der Richtschütze oder der Kommandant überhaupt den Innenraum des Fahrzeugs sehen konnte. Deshalb ist die technische Frage, ob etwas sichtbar war, nicht identisch mit der strafrechtlich entscheidenden Frage, was tatsächlich erkannt wurde.

Was Forensic Architecture rekonstruiert

Forensic Architecture kommt zu dem Ergebnis, dass sich zum fraglichen Zeitpunkt mehrere israelische Militärfahrzeuge in der Nähe des Kia befanden. Die Organisation identifizierte anhand von Satellitenbildern Fahrzeuge, deren Größe und Form mit israelischen Merkava-Panzern vereinbar seien. Besonders wichtig ist die Analyse der Schäden am Kia. Forensic Architecture dokumentierte insgesamt 335 Einschusslöcher am Fahrzeug. Die Mehrzahl befand sich nach der Rekonstruktion an der rechten Seite. Dazu kommt die akustische Analyse der letzten Sekunden des Telefonats mit Layan Hamada. In einer Sequenz von ungefähr sechs Sekunden wurden 64 Schüsse registriert. Die daraus errechnete Feuerrate von ungefähr 750 bis 900 Schuss pro Minute sei nach der Analyse mit einem Maschinengewehr eines Panzers vereinbar und deutlich schwieriger mit einem gewöhnlichen Sturmgewehr zu erklären. Aus der Schussfolge errechnete die Untersuchung außerdem eine Entfernung von ungefähr 13 bis 23 Metern zwischen Schütze und Fahrzeug.

Aber was folgt daraus?

Hier muss die Analyse von Forensic Architecture von ihrer juristischen Interpretation getrennt werden.

Wenn sich ein israelischer Panzer tatsächlich nur etwa 13 bis 23 Meter vom Kia entfernt befand, ist es selbstverständlich plausibel, dass die Besatzung des Panzers das Fahrzeug sehr deutlich sehen konnte. Aber auch ein technisch perfektes Sensorbild beantwortet nicht automatisch die Frage, was die Besatzung unter der militärischen Bedrohungslage daraus schloss. Der Richtschütze könnte ein Fahrzeug eindeutig identifizieren und trotzdem nicht erkennen, wer sich darin befindet. Er könnte Personen wahrnehmen, ohne deren Alter oder Bewaffnung bestimmen zu können. Und er könnte das Fahrzeug unter den konkreten Umständen als potentielle Bedrohung bewerten.

Das ist keine Behauptung darüber, was tatsächlich geschehen ist. Es ist die Frage, die eine militärische Untersuchung beantworten muss.

Forensic Architecture argumentiert, die geringe Distanz und die rekonstruierte Position des Panzers machten es nicht plausibel, dass die Insassen für den Schützen unsichtbar gewesen seien. Aber physische Sichtbarkeit und tatsächliche Wahrnehmung sind nicht dasselbe. Eine forensische Rekonstruktion kann die Geometrie des Geschehens bestimmen. Sie kann aber nicht rekonstruieren, was ein konkreter Richtschütze in diesem Augenblick im Wärmebild tatsächlich identifizierte und wie er die Situation interpretierte.

Die 64 Schüsse

Auch die Zahl von 64 Schüssen muss richtig eingeordnet werden. Sie bezeichnet die Schüsse, die in den letzten sechs Sekunden der Telefonaufnahme registriert wurden. Sie ist nicht identisch mit den insgesamt 335 später festgestellten Einschusslöchern am Fahrzeug.

Militärisch ist hier entscheidend, welche Waffe diese Feuerstöße erzeugte. Ein koaxiales Maschinengewehr eines Kampfpanzers kann in sehr kurzer Zeit mit einem Stoß eine große Zahl von Geschossen abgeben. Die Zahl der Geschosse entspricht deshalb nicht automatisch der Zahl individueller Zielentscheidungen. 64 Schüsse bedeuten also nicht automatisch 64 bewusste Entscheidungen, auf Menschen zu schießen. Sie können das Ergebnis eines oder mehrerer kurzer Feuerstöße gegen ein als Bedrohung eingeschätztes Fahrzeug sein. Das macht die Konsequenz nicht weniger traurig. Es verändert aber die militärische Interpretation.

Die Route des Kia – ein militärisch entscheidendes Detail

Für die militärische Bewertung ist nicht nur wichtig, wo sich der Kia befand, sondern auch, welche Route er nahm und aus welcher Richtung er sich den israelischen Kräften näherte.

Nach der Rekonstruktion von Forensic Architecture befand sich der Kia zunächst im Bereich des Viertels Tel al-Hawa im südwestlichen Gazastreifen. Nach der Rekonstruktion bewegte sich das Fahrzeug in Richtung des Al-Rimal-/Tel-al-Hawa-Gebiets, bevor es in einen Bereich gelangte, in dem sich israelische Militärkräfte befanden. Er nahm diese Route, nachdem die vorgegebene Evakuierungsroute durch Trümmer nicht befahrbar war.

Das konnte die Panzerbesatzung in diesem Moment nicht wissen.

Der entscheidende Punkt ist dabei nicht, dass die Familie bewusst in eine militärische Position gefahren wäre, sondern dass sich der Kia aus Sicht der israelischen Kräfte auf eine von ihnen als Gefechtsraum behandelte Zone zubewegte.

Das ist militärisch von erheblicher Bedeutung. Ein Soldat beurteilt ein Fahrzeug nicht nur danach, was es ist, sondern auch danach, woher es kommt, wohin es fährt und wie es sich gegenüber den eigenen Kräften verhält. Ein ziviler Pkw, der auf einer normalen Straße in einem rückwärtigen Gebiet fährt, stellt eine andere Situation dar als ein Fahrzeug, das sich während eines laufenden Gefechts in Richtung einer militärischen Stellung bewegt.

Eine Bewegungsrichtung ist natürlich kein Beweis für eine feindliche Absicht. Aber die Panzerbesatzung hatte nur die Informationen, die ihr in diesem Moment zur Verfügung standen.

Wenn ein Fahrzeug zur Bedrohung wird

Dass Soldaten auf Fahrzeuge schießen, die in eine Gefechtslage eindringen, an einer militärischen Position nicht stoppen oder sich ihr mit hoher Geschwindigkeit nähern, ist kein ausschließlich israelisches Phänomen. Auch die Bundeswehr hat in Afghanistan erlebt, wie schnell solche Situationen eskalieren können.

Im August 2008 eröffneten deutsche Soldaten an einer Kontrollstelle nahe Kundus das Feuer auf ein herannahendes Fahrzeug, das nicht stoppte. In dem Fahrzeug befanden sich eine afghanische Frau und zwei Kinder. Sie wurden getötet; drei weitere Insassen wurden verletzt.

Am 24. Oktober 2008 kam es in der Provinz Kundus zu einem ähnlichen Vorfall. Bundeswehrsoldaten schossen auf ein verdächtiges Fahrzeug, das sich nicht stoppen ließ. Fünf Afghanen wurden verletzt.

Und am 13. Dezember 2013 durchbrach während eines unangekündigten Besuchs des damaligen Verteidigungsministers Thomas de Maizière in Kundus ein Taxi eine äußere Sicherheitsabsperrung und fuhr auf die Ministerkolonne zu. Ein Bundeswehrsoldat schoss mit einem MG3 gezielt auf Motorblock und Reifen. Das Fahrzeug wurde gestoppt; der Fahrer blieb unverletzt. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass es sich um einen unachtsamen Taxifahrer und nicht um einen Attentäter handelte.

Der letzte Fall zeigt das Problem besonders deutlich. Der Umstand, dass ein Fahrzeug im Nachhinein als harmlos identifiziert wird, sagt zunächst nichts darüber aus, ob es im Zeitpunkt der Entscheidung als potentielle Gefahr wahrgenommen werden durfte.

Kundus 2009

Noch wichtiger für die juristische Diskussion ist der Luftangriff von Kundus im September 2009. Oberst Georg Klein ordnete einen Luftangriff auf zwei von Taliban entführte Tanklastwagen an. Die Fahrzeuge wurden als potentielle Bedrohung für das deutsche Feldlager eingeschätzt. Bei dem Angriff starben zahlreiche Menschen, darunter Zivilisten und Kinder.

Die deutschen Strafverfolgungsbehörden stellten die Ermittlungen gegen die Verantwortlichen ein. Das Bundesverfassungsgericht sah 2015 keinen verfassungsrechtlichen Grund, diese Entscheidung zu beanstanden.

Der Fall zeigt einen fundamentalen Grundsatz: Zivile Opfer und eine falsche militärische Lageeinschätzung sind nicht automatisch ein Kriegsverbrechen.

Der Krankenwagen

Auch der spätere Beschuss des Krankenwagens muss untersucht werden. Forensic Architecture rekonstruiert anhand von Satellitenbildern, Fotos und Schäden am Fahrzeug, dass der Krankenwagen sehr wahrscheinlich von einem israelischen Panzer getroffen wurde. Unter anderem wird ein großes Austrittsloch in der hinteren linken Tür sowie ein Fragment einer 120-mm-Panzermunition als Indiz angeführt.

Auch dieser Befund ist ernst. Aber auch hier muss aufgeklärt werden: Wusste die Besatzung, dass es sich um einen Rettungswagen handelte, und griff sie ihn trotzdem gezielt an?

Diese Antwort erfordert Erkenntnisse über Kommunikation, Einsatzregeln, Sichtbedingungen und den Informationsstand der beteiligten Soldaten.

Tragödie ist nicht gleich Kriegsverbrechen

Die Forensic-Architecture-Untersuchung liefert somit wichtige und belastende Befunde. Sie sollte nicht einfach ignoriert werden. Sie spricht stark dafür, dass israelische Kräfte den Kia aus unmittelbarer Nähe beschossen. Sie rekonstruiert die Position des mutmaßlichen Schützen und stellt berechtigt die Frage, welche Sichtmöglichkeiten die Panzerbesatzung auf das Fahrzeug hatte.

Aber sie beweist kein vorsätzliches Kriegsverbrechen. Dafür müsste nachgewiesen werden, dass die beteiligten Soldaten wussten oder zumindest zweifelsfrei erkennen mussten, dass sie auf Zivilisten – konkret auf Kinder – schossen, und dennoch bewusst das Feuer eröffneten oder fortsetzten. Genau hier liegt die Grenze zwischen einer forensischen Rekonstruktion und einem strafrechtlichen Schuldnachweis.

Der Fall Hind Rajab verdient deshalb eine gründliche Untersuchung. Sollte sich herausstellen, dass Soldaten die zivile Natur des Fahrzeugs eindeutig erkannten und trotzdem bewusst auf die Insassen schossen, muss das entsprechende Konsequenzen haben.

Sollte sich dagegen herausstellen, dass die Besatzung das Fahrzeug unter den konkreten Gefechtsbedingungen als mögliche Bedrohung wahrnahm und keine Kenntnis davon hatte, dass sich Kinder darin befanden, dann bleibt der Tod der Insassen eine schreckliche Folge des Krieges – aber kein Kriegsverbrechen.

Das ist keine Relativierung des Todes von Hind Rajab. Es ist vielmehr die notwendige Unterscheidung zwischen dem Ergebnis einer militärischen Handlung und ihrer strafrechtlichen Bewertung.

Denn auch für Israel muss derselbe Maßstab gelten wie für Deutschland, die USA oder jede andere Armee.

Eine Tragödie ist eine Tragödie.

Ein Kriegsverbrechen ist ein Kriegsverbrechen.

Und dazwischen liegt die Beweisführung.