Jerusalem, 14. August 1929. In wenigen Tagen wird Tischa beAw begangen, der jüdische Trauertag, an dem Juden weltweit der Zerstörung des Ersten und Zweiten Tempels gedenken. In Jerusalem richtet sich der Blick deshalb auf einen Ort, der für das jüdische Volk wie kaum ein anderer für Verlust, Erinnerung und Hoffnung steht: die Klagemauer, die Kotel. Doch an diesem 14. August ist die Klagemauer nicht Teil eines jüdischen Staates.

Jerusalem steht unter britischer Herrschaft.

Palästina ist ein Völkerbundmandat, das Großbritannien verwaltet. In Jerusalem sitzt der britische High Commissioner Sir John Chancellor. Er ist der höchste Vertreter der Mandatsmacht und verfügt über weitreichende politische Befugnisse. Über ihm steht das britische Colonial Office in London. Die Menschen, die hier leben, besitzen keine staatliche Souveränität. Auch die jüdische Bevölkerung nicht.

Es gibt inzwischen eine gut organisierte jüdische Gemeinschaft, den Jischuw, mit Parteien, Schulen, politischen Institutionen und einer gewählten Repräsentantenversammlung. Doch es gibt keine jüdische Regierung, kein jüdisches Parlament mit staatlicher Hoheitsgewalt und keine jüdische Armee.

Das ist der Hintergrund für das, was an diesem Augusttag geschieht.

Denn die Frage, die Jerusalem beschäftigt, ist scheinbar klein – und gleichzeitig von enormer Bedeutung: Wie und wann dürfen Juden an der Klagemauer beten?

Seit Jahrhunderten ist die Mauer ein Ort jüdischen Gebets. Doch die britische Mandatsverwaltung versucht, den bestehenden Status quo zu bewahren. Bestimmte Gegenstände und Gebetsarrangements, etwa Bänke oder Trennwände, sind umstritten beziehungsweise werden von den britischen Behörden eingeschränkt.

Für viele Juden ist das nicht einfach eine Frage von Gebetsstühlen oder Ritualen. Es geht um die Frage, ob Juden an ihrem heiligsten Gebetsort frei beten dürfen. Und es geht um etwas noch Grundsätzlicheres: Wer bestimmt darüber?

Die Klagemauer grenzt unmittelbar an den Haram al-Sharif, den Tempelberg. Die muslimischen religiösen Institutionen haben dort erheblichen Einfluss. Eine der mächtigsten Persönlichkeiten Jerusalems ist Hajj Amin al-Husseini, der Mufti von Jerusalem und Vorsitzende des Supreme Muslim Council.

Die Auseinandersetzung um die Klagemauer ist deshalb längst nicht mehr nur religiös. Sie wird politisch.

Und am 14. August 1929 wird sichtbar, wie explosiv die Situation geworden ist. In Tel Aviv versammeln sich rund 6.000 Menschen. Im Mittelpunkt steht die Forderung nach jüdischen Rechten an der Klagemauer.

Die Stimmung ist angespannt.

Einen Tag später, am 15. August, ziehen mehrere hundert junge Zionisten zur Kotel. Sie tragen die zionistische Fahne und singen die Hatikva.

Was danach geschieht, verändert Jerusalem und das gesamte Mandatsgebiet. Aus dem Streit um die Klagemauer wird eine Welle von Gewalt. In den folgenden Tagen werden jüdische Gemeinden angegriffen. In Hebron wird am 24. August 1929 ein Pogrom verübt: 67 Juden werden von Arabern ermordet. Auch in anderen Orten kommt es zu tödlichen Angriffen. Insgesamt werden bei den Unruhen 133 Juden und 116 Araber getötet.

Und während die Gewalt eskaliert, zeigt sich erneut die eigentliche politische Realität des Jahres 1929: Die jüdische Bevölkerung besitzt keine staatliche Macht, mit der sie sich selbst schützen könnte. Sie ist auf die britische Mandatsverwaltung angewiesen. Und ausgerechnet der Mann, der an der Spitze dieser Verwaltung steht, ist während der entscheidenden Tage nicht einmal in Palästina. Sir John Chancellor befindet sich zu dieser Zeit in Großbritannien und kehrt erst Ende August zurück. Die britische Verwaltung muss anschließend versuchen, die Ordnung wiederherzustellen. Untersuchungen folgen, unter anderem die Shaw Commission.

Doch für viele Juden im Jischuw bleibt eine bittere Erkenntnis: Eine „nationale Heimstätte“ ist etwas anderes als ein souveräner Staat.

Der 14. August 1929 steht deshalb am Beginn einer Geschichte, die weit über die Klagemauer hinausweist. An diesem Tag geht es zunächst um das Recht zu beten. Um eine Mauer. Um Sitzbänke, Gebetsrituale und den Status quo.

Doch hinter diesen scheinbar kleinen Fragen steht die große Frage der jüdischen Selbstbestimmung: Wer schützt jüdisches Leben, wenn Juden selbst keine politische Souveränität besitzen?

Neunzehn Jahre später wird Israel gegründet. Aber am 14. August 1929 ist davon noch nichts zu sehen. An diesem Tag stehen Tausende Juden in Tel Aviv und fordern Rechte an der Klagemauer. Noch haben sie keinen eigenen Staat. Noch entscheiden andere über ihre heiligsten Orte. Noch liegt die politische Macht in Jerusalem bei einem britischen High Commissioner.

Doch die Geschichte ist bereits in Bewegung.

Und deshalb lohnt sich der Blick genau auf diesen eine Tag.

Den Tag, an dem die Klagemauer zum Symbol eines viel größeren Kampfes wurde – um jüdische Rechte, jüdische Sicherheit und letztlich um jüdische Souveränität.